Englands Quartier bei der EM 2024

Möglichst weit weg vom Casino

16. Jun 2024, 11:56 Uhr

Diesmal ohne Casino: Die Engländer wohnen so weit ab vom Schuss wie kein anderes Team bei der EM. (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)
Diesmal ohne Casino: Die Engländer wohnen so weit ab vom Schuss wie kein anderes Team bei der EM. (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)

Die Engländer haben im Weimarer Land ihr Quartier für die EM bezogen und wohnen so abgeschieden wie kein anderes Team. Damit möchte Trainer Gareth Southgate vermeiden, dass sich die legendären Exzesse bei der WM 2006 im Casino-Ort Baden-Baden wiederholen – als die Lebensgefährtinnen der Spieler mehr im Fokus standen als der Fußball.

Von Sven Haist, Gelsenkirchen

Der englischen Nationalmannschaft erging es bei der Reise ins EM-Quartier am Montag ähnlich wie vielen Touristen. Der Flughafen Birmingham, von dem die Three Lions zu allen Auswärtsspielen aufbrechen, hat kürzlich ein neues Sicherheitssystem eingeführt, das den Passagieren erlaubt, Flüssigkeitsbehälter von bis zu zwei Litern im Handgepäck mitzuführen. Doch weil die behördliche Genehmigung noch nicht ausgestellt war, blieb es vorerst bei 100 Millilitern. Das Durcheinander führte schon in den frühen Morgenstunden zu riesigen Warteschlangen, die weit außerhalb des Terminals begannen. Die Fußballer mussten sich zwar nicht hinten anstellen, trotzdem bekamen sie bei der Gepäckabfertigung die Turbulenzen zu spüren. Bei der Kofferverladung fielen diverse Kleidungsstücke der Engländer auf den Flugplatz – zu sehen waren Shirts und Pullover.

Trotz der Komplikationen erreichte der Reisetross pünktlich und vollständig das Spa & Golf Resort Weimarer Land im thüringischen Blankenhain, eine knappe Autostunde vom Kleinflughafen Erfurt-Weimar entfernt. In dieser Luxusherberge war kürzlich auch das DFB-Team für einige Zeit zu Gast. Die Wahl hatte die notorisch aufgeregten Inselmedien beruhigt. Die Engländer hatten bei der Unterbringung in der Vergangenheit häufig danebengegriffen. Nun schrieb der Guardian, das Blankenhain-Resort müsse sicher eines der besten sein – die Deutschen wüssten doch, wo man im eigenen Land übernachten könne.

“Wir wurden zu einer Art Zirkus”, sagte Rio Ferdinand über die WM 2006

Damit hatte es sich jedoch fürs Erste auch schon wieder mit der Gastfreundschaft. Denn in der Ortsmitte, wo die Engländer im Schlossverein Blankenhain ihre Medienaktivitäten abhalten, wurden sie zur Begrüßung daran erinnert, dass sie sich auf dem Terrain des Erzrivalen aufhalten. Auf einem elektronischen Bildschirm am Straßenrand stand in Anspielung auf die deutsche Abstammung des britischen  Staatsoberhaupts Charles III. die augenzwinkernde Botschaft des Thüringer Ministeriums: „Liebe Three Lions, der  Fußball kommt nach Hause – zu den Vorfahren eures Königs. Habt eine gute Zeit in Thüringen.“

Die Boulevardzeitung Daily Mail besuchte vorab das Quartier der Engländer bei der EM 2024.

Der Standort der Engländer, die so isoliert residieren wie keine andere Mannschaft bei diesem Turnier – am nächsten wohnen die Deutschen im 150 Kilometer Luftlinie entfernten Herzogenaurach –, wirkt wie ein Kontrast zur WM-Unterkunft vor achtzehn Jahren. Damals stieg Englands Team im Schlosshotel Bühlerhöhe im Schwarzwald ab. Das lag zwar ebenfalls weitab vom Schuss, aber die englische Football Association hatte bei dieser Entscheidung nicht in Betracht gezogen, dass der benachbarte Casino-Ort Baden-Baden eine attraktive Anlaufstelle für die ebenso schillernden wie trinkfesten Lebensgefährtinnen der englischen Profis war, unter ihnen David Beckhams Gattin Victoria. Trainer Sven-Göran Eriksson riet damals sogar ausdrücklich dazu, die Spieler sollten ihre Familien einladen.

Die Lebensgefährtinnen der Engländer machten Baden-Baden zur Weltattraktion

Am Ende umfasste die englische Entourage 110 Personen. Die WAGs (wives and girlfriends) beschäftigten in den damaligen Sommerwochen durchgehend die Boulevardpresse. Sie machten die beschauliche Region zur Weltattraktion und erhielten den wenig schmeichelnden Spitznamen „Hooligans mit Kreditkarten“ – weil sie praktisch alle Boutiquen leerkauften. „Wir wurden zu einer Art Zirkus“, rekapitulierte der Abwehrspieler Rio Ferdinand süffisant, der Fußball sei fast zur Nebensache verkommen. Die hemmungslosen Feierlichkeiten quittierte ein Barkeeper am Ende auf berühmte Weise: indem er hemmungslos weinte – nicht weil er fertig mit den Nerven war, sondern weil er die Abreise der Engländerinnen bedauerte.

Solche Auswüchse sind Englands heutigem Nationalteam um Kapitän Harry Kane vom FC Bayern fremd. Die Spieler sind froh, wieder in einem Nobelhotel einchecken zu dürfen, nachdem Trainer Gareth Southgate bei seinem ersten Turnier, der WM 2018 in Russland, ein Waldidyll im Hinterland von Sankt Petersburg ausgesucht hatte. Es wies viele Ähnlichkeiten mit einer Jugendherberge auf. Das Hotel in Blankenhain verfügt nicht nur über einen 18-Loch-Golfplatz, sondern über zweieinhalb davon. Damit ist auszuschließen, dass es den Spielern ähnlich eintönig wird wie einst dem Stürmer Wayne Rooney, der sich bei der WM 2010 in Südafrika aus Langeweile alte Hochzeitsvideos angeschaut hatte.

Die Nationalmannschaft profitiert vom frühen Europapokal-Aus der englischen Klubs

Englands abgeschottete Naturoase, bei der sich selbst der Hotelmanager nach eigenen Angaben dreimal ausweisen muss, soll der Energiebrunnen für die EM werden. Zu Wochenbeginn vermeldeten die Medien euphorisch, alle 26 Kaderspieler stünden gemeinsam auf dem Trainingsplatz. Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen viele Nationalspieler mit ihren Klubs bis zuletzt in den Europapokalfinals eingespannt waren, konnten sie sich aufgrund des frühen Scheiterns ihrer jeweiligen Klubs diesmal in Ruhe vorbereiten. Kane gab nun zu, dass sein Fehlen beim FC Bayern am Saisonende der Liga „größtenteils eine Vorsichtsmaßnahme“ gewesen sei und eine „gute Möglichkeit“, mal eine Pause einzulegen.

So dürfte Englands Nationalmannschaft ausgeruht und frisch ins Auftaktspiel gegen Serbien am Sonntag gehen. Die Partie findet in Gelsenkirchen statt, also an jenem Ort, an dem die Engländer bei der WM 2006 im Viertelfinale gegen Portugal im Elfmeterschießen die Segel streichen mussten.

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