Southgate-Team überzeugt mit starker Abwehr

England besteht den Stresstest

17. Jun 2024, 18:12 Uhr

Kollektiver Rückzug: Nach der frühen Führung verlässt sich England auf die eigene Defensivstärke. (Foto: Pro Shots / Imago)
Kollektiver Rückzug: Nach der frühen Führung verlässt sich England auf die eigene Defensivstärke. (Foto: Pro Shots / Imago)

Beim 1:0 im Turnierauftakt gegen Serbien überzeugt die englische Nationalmannschaft in der Abwehr: In zwanzig Turnierspielen unter Gareth Southgate blieb England zehn Mal ohne Gegentor. Dass Stürmer Harry Kane nur 24 Ballkontakte hat, stört niemanden. Denn nichts ist dem dem Trainer wichtiger als die defensive Stabilität.

Von Sven Haist, Gelsenkirchen

Das Vertrauen von Gareth Southgate in seine Mannschaft ist mittlerweile so ausgeprägt, dass er sich während des Spiels zurückhält. Beim spannenden Auftakt der Engländer gegen Serbien saß der Trainer fast durchgehend auf seinem Platz am Spielfeldrand und verfolgte das Geschehen mit der stoischen Gelassenheit eines Mönchs. Anweisungen an die Spieler übermittelte überwiegend sein Assistent Steve Holland. Southgate – und er scheint auf kaum etwas mehr zu achten – will sein Team von der sportlichen und emotionalen Unstetigkeit früherer englischer Fußballgenerationen abkoppeln. Seine eigene Erfahrung als Nationalspieler hat ihn gelehrt, dass die innere Stabilität einer Mannschaft am Ende über das Fortkommen bei einem Turnier entscheidet.

Dieses sachbezogene Vorgehen kostet Southgate zwar Sympathien im eigenen Land – aber die holt er sich gerade durch Erfolge seines Teams zurück. Im vierten großen Turnier unter seiner Leitung haben die Three Lions erneut die erste Partie gewonnen. Und das auch noch mit dem für Southgate wahrscheinlich besten Ergebnis – einem nüchternen 1:0, früh erzielt durch einen Flugkopfball des Spielmachers Jude Bellingham aus der 13. Minute.

In den 20 Turnierpartien unter Southgate blieb England zehn Mal ohne Gegentor

Das Resultat hält die zu Überschwang neigenden Fans und Medien im Mutterland des Fußballs vorerst einigermaßen auf dem grünen Rasen. Die Partystimmung im Stadion nach dem Abpfiff legte nahe, dass die englischen Anhänger bei einem höheren Sieg abgehoben wären wie Major Tom in David Bowies Song „Space Oddity“. In ebenjenem Lied verliert Major Tom wegen einer technischen Störung den Bodenkontakt und schwebt daraufhin unkontrolliert im Weltraum umher.

Die Engländer sind hingegen ganz bei sich, wie bisher immer in der Ära Southgate. Die erste Halbzeit im Duell mit den kompromisslos agierenden Serben habe gezeigt, dass die Truppe bei dieser EM jederzeit in der Lage sei, ein Tor zu schießen, sagte Matchwinner Bellingham. Und die zweite Hälfte habe gezeigt, dass man zugleich stets zu null spielen könne. Nur einen Schuss der Serben aufs Tor ließen die Engländer zu, er kam von außerhalb des Strafraums. Die Verteidigung der Engländer steht wieder, sie bestand mit Bravour den Stresstest gegen die Serben, die in Dušan Vlahović, Luka Jović und Aleksandar Mitrović über einige renommierte Offensivspieler verfügen.

Der Fokus auf die Abwehr war eine Konsequenz des missratenen Island-Tests

Die Erkenntnis erhielt ihre Wertigkeit aus den Umstrukturierungen in Englands Defensive. In der Abwehrzentrale übernahm der international wenig erprobte Marc Guéhi von Crystal Palace den Platz des verletzten Routiniers Harry Maguire. Zudem agierte Kieran Trippier für ihn ungewohnt als Linksverteidiger, weil die etatmäßige Stammkraft Luke Shaw frühestens für das zweite Gruppenspiel zurückerwartet wird. Und der beim FC Liverpool zuvorderst als Rechtsverteidiger eingeplante Trent Alexander-Arnold besetzte die Stelle des nicht berücksichtigen Jordan Henderson im defensiven Mittelfeld.

In ähnlicher Konstellation probte England im letzten Test vor der EM gegen Island (0:1). Das Team spielte ansehnlich nach vorn und erspielte sich hochkarätige Torchancen – wurde aber immer wieder ausgekontert. Die Balance stimmte nicht. Die Spieler hätten zu viele Angriffe zugelassen und müssten sich bei gegnerischem Ballbesitz steigern, hatte Southgate in der Vorwoche bilanziert. So glich der kollektive Rückzug nach der Führung gegen Serbien nun einer direkten Reaktion auf das Island-Spiel. Entsprechend zufrieden merkte Southgate an, dass seine Spieler als Einheit verteidigt und Widerstandsfähigkeit gezeigt hätten. Dies stärke den Zusammenhalt in der Gruppe. Er habe es sogar gut gefunden, seine Spieler ein wenig „leiden“ zu sehen, weil er daran mit ihnen zuletzt intensiv im Training gearbeitet habe.

Harry Kane hatte nur 24 Ballkontakte – aber das schien ihn nicht zu stören

Englands konsequente Abwehrarbeit setzte die Defensivstärke des Teams bei den vergangenen Welt- und Europameisterschaften fort. In den bisher 20 Turnierpartien unter Southgate blieb die Elf zehnmal ohne Gegentreffer. Dabei musste die Truppe nie mehr als zwei Tore pro Match hinnehmen. Auf diesem Fundament spielte England jeweils um den Titel mit. Auch diesmal sieht es wieder danach aus. Wegen des Remis im Parallelspiel reicht den Three Lions ein Sieg gegen Dänemark am Donnerstag schon zum Einzug ins Achtelfinale. So kümmerten sie sich nicht weiter darum, dass die Partie nur elf Torschüsse hervorgebracht hatte – so wenige wie in keinem der 322 EM-Matches zuvor.

Allerdings schränkt der Fokus auf die Defensive bisweilen die Freiheiten der Offensivspieler ein. Stoßstürmer Harry Kane kam gegen Serbien lediglich auf 24 Ballkontakte, er wurde körperlich resolut angegangen und in Manndeckung genommen. Häufig fehlte den Engländern dann die Unterstützung aus dem Mittelfeld und der Abwehr. Die Defensivspieler sicherten lieber das eigene Tor ab, als den Vorsprung auszubauen. Mit dieser Ausrichtung sind die Spieler jedoch weitgehend einverstanden. Keiner klagte später über die mangelnde Durchschlagskraft in der Offensive. Innerhalb der Kabine sei man zufrieden, versicherte Bellingham. Und der Trainer ist es ohnehin.

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