Schottlands Fans bei der EM

Keine Schotten, keine Party

19. Jun 2024, 20:32 Uhr

Die schottischen Fans ziehen mit ihrer Mannschaft wie eine Karawane durch das Land. (Foto: Noah Wedel / Imago)
Die schottischen Fans ziehen mit ihrer Mannschaft wie eine Karawane durch das Land. (Foto: Noah Wedel / Imago)

Schottlands Fans gelten als die besten Anhänger der Welt – und werden ihrem Ruf auch bei dieser EM gerecht. Sie begeistern mit Volksfeststimmung. Ihre Präsenz in Kneipen, Biergärten und Fanzonen sorgt für mehr Aufsehen als viele Turnierspiele.

Von Sven Haist, Köln

Die schottischen Fans gelten als die beliebtesten Anhänger der Welt. Diesem Ruf sind sie schon in den ersten Tagen dieser EM in Deutschland gerecht geworden. Hunderttausend Schotten stehen ihrem Nationalteam vor Ort bei, sie ziehen wie eine riesige Karawane friedlich durch das Land. Ihre Präsenz hat bisher für mehr Aufsehen gesorgt als die meisten EM-Partien. Die «Tartan Army», deren Spitzname eine Ableitung des Stoffmusters des Schottenrocks ist, steht im Fokus der Boulevardmedien wie einst die schillernden Gefährtinnen der englischen Spieler um David Beckham. Dessen Gattin Victoria Beckham und deren Gefolgschaft machten den Erholungsort Baden-Baden während der WM 2006 in Deutschland zur Weltattraktion.

Der erste Halt der Schotten war das Eröffnungsspiel gegen Deutschland in München am Freitag. Trotz der klaren 1:5-Niederlage schmissen sie rund um den Marienplatz im Stadtzentrum eine rauschhafte Fete, die der bayrischen Bierzeltkultur alle Ehre erwies. Die Dimension der Zusammenkunft erinnerte an das jährlich auf der Theresienwiese stattfindende Oktoberfest, das jeweils mehrere Millionen Menschen anlockt. Statt in Zelten feierten die Schotten sich und ihr Team in Kneipen, Biergärten und Fanzonen. Sie sind stets leicht auszumachen, weil viele von ihnen einen Kilt um die Hüfte tragen und das Trikot mit dem zügellosen roten Löwen auf der Brust.

Schottlands Fans zeigen die schönste Seite des Fußball, schreibt der Tagesspiegel

Vor der EM kündigte Schottlands Altstar Paul Lambert, der mit Borussia Dortmund im Jahr 1997 die Champions League gewann, im Gespräch an, dass seine Nation «für ein Partyfestival» sorgen werde. Er prophezeite, die deutschen und die schottischen Fans würden gut miteinander auskommen, weil seine Landsleute immer für ein Bier zu haben seien und nie für Unruhe sorgten. Tatsächlich haben die Gastgeber ihre schottischen Gäste schon jetzt ins Herz geschlossen. Und wer würde das nicht bei den wunderbaren Gesängen der Schotten und den Klängen der Dudelsäcke. «No Scotland, no party» ist mehr als eine Verheissung, es ist ein Gemütszustand. Der «Tagesspiegel» schmachtete, die «Tartan Army» demonstriere die «schönste Seite des Fussballs».

Ein ständiger Begleiter der schottischen Fans: die klangvollen Dudelsäcke.

Die Liebe zum Sport ist so tief in der schottischen Gesellschaft verwurzelt wie die Fairness, die Leidenschaft und der Zusammenhalt. Die Nationalmannschaft wirkt wie der kleinste gemeinsame Nenner des Landes, auf den sich selbst die Glasgower Erzrivalen Celtic FC und Rangers FC verständigen können. Das Wohl dieser Klubs lässt immer auch einen Rückschluss auf den Zustand des schottischen Fussballs zu. Nach dem Zwangsabstieg der Rangers vor zwölf Jahren spielen sie nun wieder gegen Celtic auf Augenhöhe um die Meisterschaft.

Für die Schotten ist es die erste Auswärtsturnierreise seit 1998

Der Konkurrenzkampf kommt dem schottischen Nationalteam zugute, nach 23 Jahren konnte es sich bei der EM 2021 erstmals wieder für ein Turnier qualifizieren. Damals fanden zwei der drei Gruppenspiele zu Hause in Glasgow statt, wodurch für die Fans nicht das Gefühl entstand, zu einem bedeutenden Anlass ins Ausland zu reisen. Das holt die «Tartan Army» jetzt nach. Schottlands Captain Andrew Robertson sagt, die Unterstützung fühle sich an, als wären die meisten der fünfeinhalb Millionen Einwohner nach Deutschland mitgekommen.

Schottland hat eines der grössten Turnieraufgebote – wie bei jedem Fussballanlass, für den sich das Land qualifiziert. Denn es tritt nicht nur mit den vom Trainer Steve Clarke nominierten 26  Spielern an, sondern auch mit ebenjenen Zigtausenden Landsleuten im Rücken, die keine Strapazen scheuen. Ein Sportsfreund namens Craig Ferguson lief kürzlich aus dem Hampden Park in Glasgow, dem schottischen Nationalstadion, zu Fuss bis nach München – dabei hatte er zu Beginn seiner Reise nicht einmal ein Ticket für das Spiel.

Gegen die Schweiz sind die Schotten auf Wiedergutmachung aus

Das Selbstbewusstsein war im Land der Hügel, Täler und Seen vor dem Turnier so ausgeprägt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Schotten wollen gemeinsam gegen ihr ewig gültig scheinendes Los ankämpfen, nur bis zum Anpfiff eine wunderbare Zeit zu haben. Zu diesem Optimismus zählt allerdings auch, dass die Hoffnungen am Ende meist enttäuscht werden – wie bei der 1:5-Blamage gegen Deutschland. Nur knapp blieb den Schotten die höchste EM-Niederlage ihrer Geschichte erspart.

Die Mannschaft ruinierte sich damit nicht nur das mühsam aufgebaute internationale Renommee – sondern auch das Torverhältnis, das über ein mögliches Weiterkommen als möglicher Gruppendritter entscheiden könnte. Nie konnten sich die Schotten bisher für die K.-o.-Phase einer EM oder WM qualifizieren. Intern heisst es, für den Achtelfinal würden jetzt vier Punkte benötigt. Das würde bedeuten: Das Duell mit der Schweiz in Köln am Mittwoch darf keinesfalls verlorengehen. Gerechnet wird mit einem Remis; im Abschlussspiel sollen die Ungarn geschlagen werden. Die Spieler sind auf Wiedergutmachung aus, wirkten sie doch beschämt ob der Leistung im ersten Match.

Das Team steht im Vordergrund – und Top-Torschütze McTominay

Weil in Schottland immerzu die Teamleistung im Vordergrund steht, wird häufig vergessen, dass die derzeitige Mannschaft über drei renommierte Premier-League-Profis verfügt: den Linksaussen Andrew Robertson vom FC Liverpool, den Allrounder Scott McTominay von Manchester United und den Spielmacher John McGinn von Aston Villa. Schottlands Spielweise gleicht dem klassischen britischen Linksverkehr, es geht nahezu alles über diese Seite. Der typische Spielzug sieht einen McGinn-Steilpass auf Robertson vor, der aus der Bewegung heraus flankt – idealerweise auf den nachrückenden Vollstrecker McTominay. Der offensivstarke Mittelfeldspieler erzielte mit sieben Toren in der EM-Qualifikation knapp die Hälfte aller Treffer des Teams.

Dennoch sind die Schotten vor allem auf den Beistand ihrer Fans angewiesen. Sie sind mit der Mannschaft nach Köln weitergezogen und werden mit Sicherheit für eine Heimspielatmosphäre sorgen. Schon jetzt ist abzusehen, dass ihnen der Titel für den besten Support bei diesem Turnier kaum mehr zu nehmen sein wird.

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