Jude Bellingham

Das Gesicht von Tuchels England

18. Juni 2026, 11:07 Uhr

Jude Bellingham überzeugte gegen Kroatien sowohl in der Offensive als auch in der Defensivarbeit. (Foto: Luis Revilla Mata / Imago Images)
Jude Bellingham überzeugte gegen Kroatien sowohl in der Offensive als auch in der Defensivarbeit. (Foto: Luis Revilla Mata / Imago Images)

Jude Bellingham führt England mit einer überzeugenden Leistung zum Sieg gegen Kroatien und verkörpert mit seiner spektakulären Athletik und Technik den neuen Spielstil unter Thomas Tuchel. Dabei war nicht klar, ob er überhaupt in der Startelf stehen würde.

Von Sven Haist, Arlington

Jude Bellingham hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als er mit seinen Mitspielern der englischen Nationalmannschaft nach Abpfiff vor den eigenen Fans stand und im Stadion der melancholische Oasis-Klassiker „Wonderwall“ erklang. Seine Emotionalität ließ erahnen, welche Anspannung auf ihm gelastet hatte – und wie riesig nun die Erleichterung war. Der Spielmacher hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Three Lions in ihrem Auftaktspiel bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft den vergangenen WM-Dritten Kroatien 4:2 besiegten. Die Darbietung, bei der Kroatien zunächst zwei Mal einen Rückstand ausgleichen konnte, war die englische Version eines texanischen Rodeos.

Bei seiner Vorstellung als englischer Nationaltrainer vor eindreiviertel Jahren hatte Thomas Tuchel dem Mutterland des Fußballs einen „direkten, physischen und offensiven Stil“ versprochen. Dieser solle die Spielweise der Klubs in der Premier League „reflektieren“, sagte er damals. Und nun? Geriet die Darbietung der Engländer zu einer Art Best-of-Version der Premier League. Dabei spiegelten die Treffer – erzielt vom zunächst doppelt erfolgreichen Harry Kane (12. Minute/Elfmeter; 42.), Be­llingham (47.) und dem ei­ngew­echselten Marcus Rashford (85.) – geradezu mustergültig die zuletzt wichtigsten Entstehungsformen von Toren in der heimischen Liga wider: Elfmeter, Ecke, Steilpass, Konter.

Stellvertretend für den neuen Stil des englischen Nationalteams, mit dem sich die Spieler auch deshalb besonders gut identifizieren können, weil sie vieles wiedererkennen, was sie Woche für Woche aus der Premier League kennen, steht Jude Bellingham. Mit seiner spektakulären Athletik und Technik vereint er die Fähigkeiten, auf die es Tuchel ankommt. Gegen Kroatien absolvierte der 22-Jährige eines seiner besten Spiele im Trikot der Three Lions – weil er sich unter anderem bis zu seiner Auswechslung in der Schlussphase kompromisslos in den Dienst der Mannschaft stellte.

Zwei Minuten nach der Halbzeitpause gelang Bellingham mit seinem 3:2 für England der Höhepunkt des Spiels: Mit einem wunderbaren Schlenzer über das halbe Spielfeld bediente Elliot Anderson seinen berühmten Kollegen, der auf dem langen Weg zum Tor von der rechten Seite zwei Gegenspieler abschüttelte und Livaković am Ende mit einem Flachschuss aus spitzem Winkel keine Chance ließ. Für seine Verhältnisse arbeitete er zudem erstaunlich intensiv und engagiert in der Defensive mit, gewann immer wieder wichtige Zweikämpfe und verhinderte zu Beginn mit einer Grätsche im eigenen Strafraum eine Großchance des Gegners. Nach fast jeder gelungenen Aktion gab es „Juuuude“-Rufe.

„Auf ihn kann man sich in solchen Momenten verlassen“, lobte Tuchel den Auftritt von Bellingham. Dieser liebe solche Spiele unter Druck – sie brächten die beste Leistung aus ihm hervor. Dabei war vor dem Spiel noch fraglich, ob Bellingham überhaupt in der Startelf stehen würde. Bislang hatte sein Konkurrent Morgan Rogers in den entscheidenden Qualifikationsspielen auf der Spielmacherposition agiert und überzeugt. Dies lag auch daran, dass die vergangene Saison von Bellingham bei Real Madrid von mehreren Verletzungen geprägt war und er häufig für Länderspiele nicht zur Verfügung stand. Außerdem missfielen Tuchel die Schattenseiten von Bellinghams Siegermentalität.

Bellingham musste um seinen Platz in der englischen Nationalmannschaft wie selten zuvor in seiner Laufbahn kämpfen. Dass Tuchel letztlich doch auf ihm statt Rogers gegen Kroatien vertraute, hatte sich erst in den vergangenen zwei Wochen der WM-Vorbereitung zunehmend abgezeichnet. Er begründete die Entscheidung damit, Bellingham sei „verlässlich“ gewesen und habe sich „dem Teamgeist und unserer Spielidee verschrieben“. Genau diese Reaktion hatte Tuchel mit seiner Kritik indirekt bezwecken wollen. Nach dem Spiel räumte Bellingham ein, dass er für England derzeit spiele, als müsse er sich beweisen. Während der schwierigen Phase half ihm im Team Jordan Henderson – der Routinier ist einer seiner einflussreichen Fürsprecher.

Im Hinblick auf das weitere Turnier, in dem England zum zweiten Mal Weltmeister werden will, könnte Bellingham zugutekommen, dass er im Gegensatz zu seinen Kollegen verletzungsbedingt eine weniger zermürbende Saison hinter sich hat. Seine Frische könnte sich daher als Vorteil erweisen. „Jude steckt voller Energie und ist froh, wieder auf dem Platz zu stehen“, sagt Tuchel. Die Freude war ihm rund um das Spiel anzumerken. Nach Abpfiff sang Jude Bellingham sogar den Oasis-Song mit.

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