Arsenal schlägt Liverpool

Arsenal jubelt wie Liverpool

05. Feb 2024, 19:34 Uhr

Celebrate it like Klopp: Arsenal-Trainer Mikel Arteta bejubelt den ersten Treffer seines Teams gegen Liverpool. (Foto: Michael Zemanek / Imago)
Celebrate it like Klopp: Arsenal-Trainer Mikel Arteta bejubelt den ersten Treffer seines Teams gegen Liverpool. (Foto: Michael Zemanek / Imago)

Der FC Arsenal gewinnt das Premier-League-Spitzenspiel gegen den Tabellenführer Liverpool und verkürzt den Rückstand in der Meisterschaft auf zwei Punkte. Für Aufregung sorgt nicht das Spiel – sondern Arsenals Feierlichkeiten.

Sven Haist, London

Der Arsenal Football Club feierte den Premier-League-Heimsieg im Spitzenspiel gegen den FC Liverpool am Sonntag fast so überschwänglich, als wäre soeben ein Finale gewonnen worden. Und in gewisser Weise hatten die Londoner das auch, denn bei einer Niederlage wären die Hoffnungen auf die erste englische Meisterschaft nach genau 20 Jahren wohl zunichte gewesen. So sprintete Mikel Arteta nach dem entscheidenden dritten Treffer seiner Mannschaft die Seitenlinie entlang und klatschte mit den Balljungen und Zuschauern ab. Nach dem Abpffif schwang Arteta sogar im Stile seines Liverpool-Trainerkollegen Jürgen Klopp mehrmals vor den Fans die Faust durch die Luft. Genauso euphorisiert wie der Trainer verhielt sich auch Martin Ödegaard. Der Kapitän nahm auf der Ehrenrunde einem Klubfotografen die Kamera aus der Hand und forderte diesen auf, sich vor der Anhängerschaft für ein Erinnerungsbild aufzustellen. Ödegaard drückte ab – und löste mit dieser Aktion mehr Aufregung in England aus als zuvor das einseitige Spiel.

Schon nach dem Sieg gegen Manchester City gab es Debatten um den Arsenal-Jubel

Wie schon nach dem Prestigeerfolg in der Hinrunde zu Hause gegen Manchester City, als es im Nachgang des Matches sogar zu einem Handgemenge am Seitenrand gekommen war, erhitzte Arsenals Jubel auch diesmal die Gemüter. Der frühere Liverpool-Abwehrspieler Jamie Carragher echauffierte sich im Sky-Kommentar über Ödegaard, der aus seiner Sicht «in den Kabinentunnel» gehen solle. Später postete Carragher die Ödegaard-Szene in den sozialen Netzwerken und kommentierte sie mit dem geflügelten Satz des englischen Trainerurgesteins Neil Warnock, der einst vor einem Pokalspiel zu seinem Team gesagt hatte: «Genießt es auf jeden Fall, aber bleibt diszipliniert dabei!»

Zum Verwechseln ähnlich: Mikel Arteta jubelt nach dem Sieg gegen Liverpool im Stile seines Trainerkollegen Jürgen Klopp.

Die Kritik konterte Ödegaard, indem er zum einen versicherte, das Team würde trotz des Erfolgs «bescheiden» bleiben. Und zum anderen indem er fragte, wann man sich denn sonst noch freuen dürfte, wenn nicht nach einem gewonnenen Spiel. Auf den Einwand, ob ein Sieg nicht auch zu übertrieben gefeiert werden könne, erwiderte der Norweger: Nein, jeder, der den Fußball verstehe, wisse, wie viel es bedeute, ein solches Match zu gewinnen.

Die Spitzengruppe rückt wieder zusammen

Diese Ansicht ließ sich aus der Perspektive der Londoner durchaus teilen, denn bei einer Niederlage wäre der Rückstand auf wohl kaum einholbare acht Punkte angewachsen. Durch das 3:1 (1:1) gegen den Tabellenführer Liverpool hat sich Arsenal nun auf zwei Punkte herangearbeitet und damit nicht nur sich, sondern auch den weiteren Verfolgern einen Gefallen getan. So konnte auch das viertplatzierte Aston Villa wieder auf fünf Punkte aufschließen – und der Serienmeister Manchester City besitzt jetzt sogar die Möglichkeit, mit zwei Siegen in den beiden weniger absolvierten Spielen wieder um einen Punkt an Liverpool vorbeizuziehen und die Tabellenspitze zu übernehmen.

Über diesen möglichen Zwischenstand habe er bisher «keine Sekunde» nachgedacht, betonte Klopp. Ihn dürfte mehr die verpasste Chance beschäftigt haben, Arsenal nicht bis auf Weiteres distanziert zu haben. Liverpool ließ jene Schärfe im Spiel vermissen, die der Konkurrent schon allein aufgrund der angespannten Tabellensituation besaß. Dies wirkte sich vor allem auf die in dieser Saison bisher stabile Defensive aus. An allen drei Gegentoren war der sonst verlässliche Defensivchef Virgil van Dijk beteiligt.

Bei allen drei Gegentoren sieht Abwehrchef van Dijk nicht gut aus

Beim 1:0 durch Bukayo Saka in der 14. Minute verspekulierte sich der Niederländer bei seinem Versuch, durch das Herausrücken aus der Abwehrkette ein Zuspiel abzufangen. Daraufhin klaffte ein riesiges Loch im Zentrum. Arsenals dritten Treffer von Leandro Trossard in der Nachspielzeit fälschte van Dijk kaum haltbar für seinen Torwart Alisson Becker ab. Und jenen touchierte er bei dessen Klärungsaktion vor dem Strafraum in der maßgeblichen 67. Minute, als er seinen Gegenspieler Gabriel Martinelli wegblocken wollte. Becker verfehlte den Ball und Martinelli schoss ihn zum 2:1 ins Tor. Ein vergleichbarer Slapstick-Treffer hatte Arsenal in der ersten Halbzeit zum zwischenzeitlichen Ausgleich kassiert, als Gabriel den Ball mit der Hand ins eigene Netz manövrierte.

Liverpools Abwehraussetzer nahm das zuletzt offensiv strauchelnde Arsenal dankbar entgegen. Die Gunners verfügen derzeit über keinen wirklichen Ersatz für den verletzungsanfälligen Torjäger Gabriel Jesus, der auch gegen Liverpool passen musste. Ihn vertrat wieder mal der stark spielende deutsche Offensivallrounder Kai Havertz in vorderster Position, auch wenn diese Rolle seine Fähigkeiten nicht ganzheitlich betont. Mit geschickten Laufbewegungen ins Mittelfeld entzog sich Havertz der Bewachung der Gegenspieler und holte die gelb-rote Karte für Liverpools Ibrahima Konaté heraus – auch wenn ihm erneut ein Tor verwehrt blieb. Unmittelbar vor dem Führungstreffer war er allein auf Becker zugelaufen und scheiterte freistehend.

Arsenals Spielweise passt mehr zur Champions League als zur Premier League

Dass die Gunners die Partie trotzdem durchweg dominierten und jetzt wieder den Anschluss in der Meisterschaft hergestellt haben, liegt überwiegend an der beachtlichen eigenen Defensive, der mit Liverpool zusammen momentan besten der Premier League. Mit jeweils drei zentral agierenden Spieler-Pärchen in Angriff, Mittelfeld und Abwehr verstellte Arteta die Mitte, zuerst forsch attackierend, später weit zurückfallend. Liverpool gelang nur ein Schuss aufs Tor. Diese kompakte, für andere Spitzenteams unangenehme Spielweise scheint Arsenal mehr zu einem Anwärter auf den Titel in der Champions League zu machen als in der Premier League, wo es bisweilen an Abgezocktheit mangelt.

Doch besitzt Arsenal für beide Wettbewerbe jeweils die nötige Souveränität? Carraghers Expertenkollege Gary Neville, ehemaliger Manchester-United-Kapitän, fand Arsenals Feierlichkeiten «ein wenig unreif» und deutete sie als mögliches Zeichen, dass die Spieler nicht gänzlich an den Titelgewinn glaubten. Allerdings könnte in der Kritik der beiden auch die Enttäuschung mitgeschwungen haben, dass auf dem Platz diesmal nicht einer ihrer Lieblingsklubs jubelte – sondern der FC Arsenal.

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