Trainerentlassung beim FC Chelsea
Kündigung am 1. Januar
02. Jan. 2026, 17:01 Uhr

Der FC Chelsea gibt am ersten Tag des neuen Jahres die Trennung von Enzo Maresca bekannt – ein Novum in der Premier League. Der Italiener befand sich offenbar in losen Gesprächen mit Manchester City über eine mögliche Nachfolge von Pep Guardiola.
Das neue Jahr hat für den FC Chelsea und Trainer Enzo Maresca denkbar turbulent begonnen: Statt Neujahrsgrüßen veröffentlichte der Spitzenverein aus dem Londoner Westen am ersten Tag des Jahres gegen Mittag eine Mitteilung, in der die Trennung von Maresca bekannt gegeben wurde. Ein solcher Knall zu Jahresbeginn hat in der vor fast dreieinhalb Jahrzehnten gegründeten Premier League bislang noch keinen Klub erschüttert. Unter der Überschrift „Enzo Maresca“ erklärte Chelsea knapp und unmissverständlich, dass „ein Wechsel dem Team die besten Chancen gibt, die Saison wieder auf Kurs zu bringen“.
Seit Ende November hatte Maresca in neun Pflichtspielen lediglich zwei Siege eingefahren, einer davon im League-Cup-Viertelfinale gegen den Drittligisten Cardiff City. In dieser Zeit fielen die nach Titeln strebenden Londoner in der Premier League von Platz zwei auf fünf zurück, der Rückstand auf Tabellenführer Arsenal wuchs von sechs auf mittlerweile kaum aufholbare 15 Punkte an. Zudem droht der Verein, die direkte Qualifikation für das Achtelfinale in der Champions League zu verpassen.
Die Situation für Maresca verschlechterte sich entscheidend durch das enttäuschende 2:2 im Heimspiel gegen das formschwache Bournemouth unmittelbar vor Jahresende, das seit zwei Monaten auf einen Sieg wartet. Die Chelsea-Fans bedachten ihren Trainer im Stadion mit Pfiffen. Eine Erklärung für die wenig inspirierende Leistung seiner Mannschaft blieb Maresca nach der Partie schuldig – er sagte sowohl TV-Interviews als auch die Pressekonferenz krankheitsbedingt ab, obwohl er das gesamte Spiel zuvor, streckenweise mit offenem Mantel, an der Seitenlinie gecoacht hatte. Anstelle von ihm übernahm Assistent Willy Caballero die Medienarbeit und betonte, Maresca habe sich „in den letzten zwei Tagen nicht gut gefühlt“. Die Boulevardzeitung Sun widersprach dieser Darstellung und schrieb, es habe „keine gesundheitlichen Probleme“ gegeben. Es wird vermutet, dass Maresca nach dem Remis bereits mit seiner Entlassung gerechnet hatte – schließlich befand er sich schon seit Wochen in einem offenen Konflikt mit den Vorsitzenden Todd Boehly und Behdad Eghbali; hinter Eghbali steckt die US-Private-Equity-Firma Clearlake, die 61,5 Prozent der Klubanteile hält.
Die Unstimmigkeiten hatte Maresca, 45, nach einem Ligasieg gegen Everton selbst öffentlich gemacht. Auf eine Frage zu seinem Spieler Malo Gusto reagierte der Trainer äußerst frustriert und erwähnte plötzlich, dass die „letzten 48 Stunden die schlimmsten“ gewesen seien, seitdem ihn der Verein vor der Saison 2024/25 vom damaligen Aufsteiger Leicester City für fünf Jahre verpflichtet hatte. Als Grund nannte der Italiener kryptisch, „viele Leute“ hätten ihn und sein Team „nicht unterstützt“. Ob sich seine Kritik an Entscheidungsträger richtete, ließ er offen: „Allgemein, allgemein“, sagte er und beließ es bei Andeutungen.
Zum angespannten Verhältnis trugen offenbar vor allem Sondierungsgespräche zwischen Maresca und Ligakonkurrent Manchester City bei, über die der Trainer Chelsea informiert haben soll. Laut Berichten sprach Maresca im Oktober zwei Mal sowie erneut nach dem Everton-Spiel mit Personen aus dem Umfeld von City über eine mögliche Nachfolge von Pep Guardiola, sollte dieser im kommenden Sommer nach zehn Jahren in Manchester als Trainer aufhören. Diese Gerüchte wies Maresca als „100 Prozent Spekulation“ zurück. Guardiola hat sich zu seinem Verbleib über diese Spielzeit hinaus bislang nicht endgültig geäußert. Sein Vertrag bei City läuft bis 2027, doch er kündigte wiederholt einen allzu fernen Abschied an. Früher oder später werde er City verlassen, hob der Katalane jüngst hervor. Maresca hatte Guardiola in der Spielzeit 2022/23 als Assistent gedient. Wie Boehly, Eghbali & Co. diese Annäherungen wohl bewerteten, dürfte sich nun auch im Zeitpunkt von Marescas Rauswurf gespiegelt haben – ausgerechnet unmittelbar vor Chelseas Ligaspiel am Sonntagabend bei Manchester City.
Darüber hinaus war Marescas Zusammenarbeit mit der Klubführung in dieser Hinrunde von unterschiedlichen Auffassungen geprägt – in Bezug auf Transfers, der Zusammenstellung der Mannschaft und der persönlichen Wertschätzung. Nach dem Gewinn der Conference League in der Vorsaison und dem anschließenden Triumph bei der Klub-WM hatte sich Maresca wohl eine größere Einflussnahme erhofft. Trotz der Erfolge scheint sich aber intern offenbar wenig an seinem Status geändert zu haben. So hatte er im Sommer etwa vergeblich nach Ersatz für den verletzten Innenverteidiger Levi Colwill verlangt und zuletzt indirekt die mangelnde Erfahrung des Teams kritisiert, um die hohen internen Ansprüche zu erfüllen. Chelsea hat bereits 15 Punkte nach Führung in der Liga verspielt, vier rote Karten kassiert und wiederholt mit Ausfällen zu kämpfen, wie dem monatelangen Fehlen des erst kürzlich von einer Verletzung genesenen Spielmachers Cole Palmer.
Die strikte sportliche Ausrichtung der neuen Besitzer, nahezu ausschließlich auf international renommierte Talente zu setzen – Chelsea hat keinen Feldspieler, der älter als 28 Jahre ist –, stößt immer wieder auf Widerstand bei Trainern. Auch Maresca musste sich dieser Philosophie unterordnen, wie zuvor Thomas Tuchel, Graham Potter und Mauricio Pochettino. Allen war das Vorgehen des Klubs allerdings bekannt. In seinen anderthalb Jahren bei Chelsea entwickelte Maresca das junge Team sichtbar weiter und führte den Verein zurück zu Titeln, wodurch er selbst ins Blickfeld geriet. Er wechselte seine Beratungsagentur und plante die Veröffentlichung eines Buchs, was ihm der Klub ebenso untersagte wie einen Auftritt als Gastredner bei einer Veranstaltung in seiner Heimat Italien – letzteres ließ sich der Coach im Herbst dennoch nicht nehmen. Dort äußerte er sich sinngemäß auch spitz zur Klubpolitik: Chelsea sei ein legendärer Verein, setze nun auf Talente, doch am Ende zählten die Ergebnisse.
Zur Nachfolge Marescas hat sich der FC Chelsea bislang nicht geäußert. Angeblich hoch im Kurs stehen der Engländer Liam Rosenior, derzeit beim Partnerklub Racing Strasbourg tätig, sowie der Österreicher Oliver Glasner, dessen Vertrag bei Crystal Palace am Saisonende ausläuft. Für Enzo Maresca hingegen ist der Weg nun frei für neue Aufgaben, sei es bei Manchester City oder anderen Klubs. Sollte sich eine reizvolle Option ergeben, könnte das Jahr, das so schlecht für ihn begann, am Ende noch ein gutes werden.

