Stadioneröffnung des FC Everton
Die Aussicht entschädigt für schlechte Spiele
27. Aug. 2025, 14:53 Uhr

Der FC Everton eröffnet das neue Hill Dickinson Stadium, das dem alten Goodison Park um Nichts nachsteht. Die Spielstätte am Hafen ist sündteuer, spektakulär auf Sand gebaut und emotional aufgeladen. Sie enthält alte Artefakte des Hafens – kostete der Stadt Liverpool aber den Welterbe-Status.
Nur das Beste ist gut genug – so lautet übersetzt das lateinische Motto des FC Everton: „Nil satis nisi optimum.“ Dieses Credo spiegelt sich auch im neuen Stadion des Klubs, das an den ehrwürdigen, zwei Jahrhunderte alten Bramley-Moore-Docks am River Mersey in Liverpool errichtet worden ist. Die neue Spielstätte ist ein architektonisches Meisterwerk, das dem legendären Goodison Park in keiner Weise nachsteht. Dieser historische Ground, der genau am selben Tag, dem 24. August, vor 133 Jahren seine Tore geöffnet hatte, war bis zum Ende der Vorsaison die Heimat des FC Everton. Der Goodison Park sollte nach 2791 Heimspielen eigentlich abgerissen werden, aber er ist so alt geworden, dass er quasi unsterblich ist: Das Stadion wurde nun Evertons Frauenmannschaft übertragen.
Wer jedoch die überwältigende Eröffnung der neuen Arena beim Premier-League-Heimsieg am Sonntag gegen Brighton & Hove Albion miterlebt hat, der muss nicht in Nostalgie schwelgen. Ein Mann auf der Haupttribüne drückte die Gefühlslage der 52 888 Zuschauer aus, als er während der Klubhymne „Spirit of the Blues“ überschwänglich seinen Sitznachbarn umarmte. Kurz danach war dieser Spirit der Blauen auch bestens hörbar: Zur Begrüßung beider Teams betrug die Lautstärke auf den Rängen während der Einlaufmusik „Z Cars“ sagenhafte 106 Dezibel.
Der letzte Torschütze im Goodison Park ist auch der erste im neuen Stadion: Iliman Ndiaye
Das erste Spiel im neuen Stadion war genauso emotional wie vor drei Monaten das letzte im Goodison Park. Das Ergebnis war ebenfalls gleich: 2:0 für Everton. Und sogar ein Torschütze war derselbe: Iliman Ndiaye, 25, erzielte das letzte Tor im „Goodison“ und nun auch das erste im Hill Dickinson Stadium, dessen Namensrechte eine Liverpooler Kanzlei hält, die noch älter ist als der Verein. Der zweite Treffer am Sonntag gelang James Garner, die Vorarbeit leistete jeweils der von Manchester City geliehene Jack Grealish. Brighton erwies sich unter der Leitung von Trainer Fabian Hürzeler als höflicher Gast und ließ mehrere Chancen ungenutzt, darunter einen Handelfmeter. Evertons Trainer David Moyes widmete den Heimsieg ausdrücklich allen, die an der Stadionentstehung beteiligt waren.
Das Projekt erforderte in der Tat viel Unterstützung. Schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert begannen die Vorüberlegungen des Klubs. Als endlich ein tragfähiger Plan vorlag, zogen sich die behördlichen Genehmigungen lange hin – nicht zuletzt, weil der Hafen von Liverpool zum Weltkulturerbe gehörte. Nach der Zusage für den Stadionbau im Frühjahr 2021 kassierte die Unesco prompt den begehrten Status ein. In der Erklärung hieß es, dass die Umbauten der kilometerlangen viktorianischen Werftanlagen zu einem „irreversiblen Verlust“ des historischen Wertes beitragen würden. Um die Kritiker zu besänftigen, wurde die Arena so entworfen, dass sie sich jederzeit wieder in einen Schiffshafen zurückverwandeln ließe.
Wegen der Stadionkosten wäre der FC Everton fast den Mersey heruntergegangen
Zudem erschwerten die durch Corona und den russischen Angriffskrieg drastisch gestiegenen Kosten die Umsetzung des im August 2021 gestarteten Baus: Statt der optimistisch veranschlagten 600 Millionen Euro beliefen sich die Gesamtausgaben letztlich auf mehr als eine Milliarde Euro. Angesichts der Rückzahlung von entsprechend hohen Darlehen und Zinsen wäre der Klub finanziell fast den Mersey heruntergegangen – die Schulden betragen aktuell 1,2 Milliarden Euro. Die lange unsichere Fertigstellung erfolgte dann vor einem Jahr, als die Friedkin Group den Geschäftsmann Farhad Moshiri als Besitzer des FC Everton ablöste. Zwischenzeitlich hatte der Bau gestoppt werden müssen – nach dem tragischen Unfall eines Arbeiters auf der Baustelle. Für ihn wurde vor dem Stadion eine Gedenkstätte eingerichtet, während des Brighton-Spiels erhoben sich die Zuschauer ihm zu Ehren mit Applaus.
Auch die einzelnen Bauphasen gestalteten sich höchst anspruchsvoll. Als Basis dienten fast eine halbe Million Kubikmeter Sand, mit denen das Hafenbecken aufgefüllt wurde, auf dem das Stadion nun weitgehend steht. Der Sand wurde aus dem Meeresgrund der Irischen See gewonnen, gefiltert und mit Schiffen zum Hafen transportiert. Zu den ersten Arbeiten gehörten die kontrollierte Sprengung von zwölf Munitionsblindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg sowie die Erhaltung der denkmalgeschützten Dockmauer. Diese verleiht dem Areal die Anmutung einer Festung, die alle Fans auf dem Weg zum Eingang passieren müssen. Zusätzlich wurden auf dem Gelände mehr als 400 maritime Artefakte aus der glanzvollen Vergangenheit der Liverpooler Docks gesichert. Viele Objekte wurden liebevoll ins Stadiondesign eingepflegt – zum Beispiel Tausende Pflastersteine, 1800 Meter Eisenbahnschienen und ein auf dem Vorplatz stehender alter Hydraulikturm.
Die Spielstätte wirkt, als wäre sie auf natürliche Weise aus den Docks entstanden
So wirkt die Spielstätte, als wäre sie auf natürliche Weise aus den Docks entstanden und schon immer dort gewesen. Vor dem Spiel sagte der Architekt Dan Meis, er sei „überwältigt“ von diesem Moment. Zwar habe er schon viele bedeutende Sportbauten realisiert, darunter das Staples Center in Los Angeles, aber dieses Stadion gehe ihm besonders nahe. Meis ist es gelungen, den historischen Charme der Hafen- und Lagergebäude mit den Eigenheiten des alten Goodison Park im neuen Stadion auf zeitgemäße Art zu vereinen. Herausgekommen ist ein solide gemauerter Backsteinsäulensockel, der von einem futuristischen Tonnengewölbedach überzogen ist. Mit Sonnenkollektoren und einem Regenwassersammelsystem zählt das Stadion zu den umweltfreundlichsten in England. Enthalten sind auch die ikonischen Kreuzmuster aus dem Goodison Park, die der damalige Konstrukteur Archibald Leitch entworfen hatte.
Das Stadion hat das Potenzial, das neue Aushängeschild am Hafen zu werden
Um die spezielle Akustik der Goodison-Gemäuer in die neue Arena zu transportieren, errichtete Meis eine Fantribüne mit einem Neigungswinkel von 34,99 Grad – präzise unterhalb der gesetzlichen Grenze von 35 Grad. Die Ränge steigen so steil an, dass man oben einen atemberaubenden Blick über Liverpool hat. Sollte das Spiel weniger spannend verlaufen, scherzen die Fans, könnten sie sich einfach umdrehen und die Aussicht genießen.
Das neue Stadion ist nun das Aushängeschild der Transformation eines zuvor fast ausgestorbenen Hafen- und Industriegeländes. Es hat das Potenzial für eine neue Sehenswürdigkeit am Royal Blue Mersey – und es soll dem seit Jahren strauchelnden Klub wieder Rückenwind geben. Es würde nicht überraschen, wenn das Stadion schon bald so viel Anerkennung bekäme, dass Liverpool seinen Welterbe-Status zurückerhält.
Zu alt, um zu sterben
Nach 133 Jahren und 2791 Heimspielen nimmt der FC Everton trännreich Abschied vom Goodison Park und zieht zur nächsten Saison in ein neues Stadion um. Doch die ehrwürdige Spielstätte bleibt bestehen – und wird nun Heimat des Frauen-Teams.
