Saisonauftakt FC Liverpool
Mit Hilfe von oben
17. Aug. 2025, 01:30 Uhr

Der FC Liverpool schlägt zum Premier-League-Auftakt den AFC Bournemouth und gedenkt dem verstorbenen Diogo Jota. Das 4:2 gleicht einem Appetizer für die neue Saison – aber es kam auch zu einem Eklat.
Die Hommage an Diogo Jota berührte die Spieler des FC Liverpool zutiefst – insbesondere Mohamed Salah. Allein stand der Torjäger nach dem Saisonauftakt der Premier League gegen den AFC Bournemouth vor den eigenen Fans und brach in Tränen aus. Die Zuschauer ehrten den im Juli bei einem Autounfall gemeinsam mit seinem Bruder André Silva verstorbenen Stürmer mit so überwältigenden Gesängen, dass man meinen konnte, Jota höre sie im Himmel. Zuvor hatte Salah nach seinem Treffer in der Nachspielzeit bereits vor den Augen von Jotas Frau, seinen Kindern und der Familie dessen Torjubel nachgeahmt: die zuschnappende Krokodilbewegung mit den Armen.
Mohamed Salah ahmt den Jubel von Diogo Jota nach
Salahs Geste wurde von Gary Neville im Live-Kommentar bei Sky als „sehr gefühlvoll“ hervorgehoben. Der Ägypter habe seine Emotionen nicht zurückhalten können – und Neville ist überzeugt, dass dies auch für alle anderen Liverpool-Spieler in dieser Saison gelten werde. Die Verbundenheit mit dem beliebten Jota, dem vor dem Spiel eine schöne Choreografie gewidmet worden war, schien der Mannschaft eine stille, innere Stärke zu verleihen.
Als Liverpool in der Schlussphase eine 2:0-Führung verspielte und den Ausgleich kassierte, dachten vermutlich alle ähnlich wie Trainer Arne Slot. Dieser sagte nach dem Match, dass sein Blick in einer solchen Situation stets zu Jota gegangen wäre und er ihn eingewechselt hätte. Da dies nun nicht mehr möglich sei, so Slot, hätten Spieler und Fans übernommen, was sonst Jota getan hätte: das Spiel zu wenden. Und das gelang – durch Federico Chiesa, den Slot in der 82. Minute für Florian Wirtz ins Spiel gebracht hatte.
Federico Chiesa trifft im Stile von Diogo Jota
Der Italiener, der seit seinem Wechsel im Sommer 2024 kaum in Tritt gekommen war, um den sich hartnäckig Wechselgerüchte rankten und der womöglich nicht im Kader gestanden hätte, wäre Jota verfügbar gewesen, erzielte schließlich den erneuten Führungstreffer (88.). Nach einem Abpraller im Strafraum drückte Chiesa den Ball auf eine für Jota typische, unorthodox geschickte Weise volley ins Tor. Er widmete das Tor Jota und sagte, dieser sei „irgendwo im Stadion“ gewesen und habe ihm „geholfen“, dieses Tor zu erzielen. Es habe sich so angefühlt, als habe der Ball selbst ins Tor gewollt, so Chiesa.
Liverpools Auftaktsieg über Bournemouth beruhigte die Nerven am River Mersey, nach der unerwarteten Niederlage im Spiel um den englischen Supercup vor einer Woche gegen Crystal Palace. Das 4:2 (1:0) glich einem Appetizer, was die Fans in dieser Saison von der Premier League erwarten können: ausgeglichene Spiele, spektakuläre Aktionen, überraschende Wendungen – und allerhand Geschichten und Emotionen. Aber es kam auch zu einem Eklat: Der Schiedsrichter Anthony Taylor unterbrach die Partie für kurze Zeit in der 29. Minute, weil ihn Bournemouths Angreifer Antoine Semenyo darauf aufmerksam machte, rassistisch von einem Zuschauer beleidigt worden zu sein. In der Halbzeitpause wurde dann ein Mann im Rollstuhl von drei Polizisten aus dem Stadion geführt. Auf Instagram schrieb der ghanaische Nationalspieler: „Wann hört das auf?“
Trotz Beleidigungen spielt Antoine Semenyo weiter – und erzielt einen Doppelpack
Der FC Liverpool verurteilte den mutmaßlichen Vorfall in einem Statement und teilte mit, dass dieser bereits Gegenstand einer laufenden polizeilichen Untersuchung sei. Auch Slot sagte, dies sei „in jedem Stadion unakzeptabel, vor allem in Anfield“. Er habe Semenyo zugesichert, alles dafür zu tun, um die verunglimpfende Person ausfindig zu machen und ihm Respekt für seine Leistung gezollt. Bournemouths Trainer Andoni Iraola ging nach der Begebenheit auf den bemerkenswert ruhig bleibenden Semenyo zu und fragte ihn, ob er weiterspielen wolle. Das tat Semenyo – und erzielte zwei vorzügliche Kontertore (66./76.). Dies sei die einzige Sprache, die im Fußball wirklich zähle, sagte er.
Sein Doppelpack entstand aus zwei kapitalen Ballverlusten des FC Liverpool. Beim 1:2 verlor Dominik Szoboszlai bei einem Hackentrick den Ball, beim 2:2 leistete sich Salah am gegnerischen Strafraum einen Fehlpass. Zum Zeitpunkt des Ballverlusts befanden sich nur vier und dann sogar bloß zwei eigene Spieler hinter dem Ball – obwohl Liverpool führte. So stürmte Semenyo bei seinem zweiten Treffer am eigenen Strafraum los und trieb den Ball über das gesamte Spielfeld vor sich her, bevor er erfolgreich abschloss.
Liverpool fehlt die Balance – auch weil Ryan Gravenberch fehlte
In den vergangenen sechs Spielen, davon vier Vorbereitungstests, hat Slots Team nun insgesamt zwölf Gegentore kassiert. Das ist auch Folge des verstärkten Angriffsstils, den Liverpool pflegt. Durch die mutige Ausrichtung und die Verpflichtung von Florian Wirtz und Hugo Ekitiké verfügt das Team gleichzeitig über eine enorme Offensivwucht. Diese zeigte sich bei beiden Toren, an denen jeweils Ekitiké beteiligt war: Der erste Treffer gelang ihm selbst (37.), beim zweiten legte er für Cody Gakpo ab (49.). Die unentwegt von hinten nachrückenden Spieler vereinfachen das Herausspielen von Torchancen, stets tut sich eine Anspielstation auf. Dass die Balance dabei bisher nicht stimmt, könnte mit zwei Personalien zusammenhängen: Taktgeber Ryan Gravenberch fehlte gesperrt und zuletzt aus privaten Gründen – und der körperlich robuste Alexis Mac Allister verpasste verletzt mehrere Wochen der Vorbereitung.
Trainer Slot verteidigte seinen neuen Angriffsstil. Dies sei Teil der eigenen Identität und ausschlaggebend dafür, dass man aufregende Spiele sehe, wenn man sich Liverpool anschaue, sagte er und kündigte an: „Wir werden künftig nicht im tiefen Block verteidigen.“ Trotzdem konzedierte er, die Abstimmung müsse besser werden. Mit seiner Entscheidung für Federico Chiesa kam der FC Liverpool gerade noch mal davon. Man habe Hilfe „von oben“ gehabt, gab Chiesa zu – und meinte damit Diogo Jota und seinen Bruder.


