Florian Wirtz trifft für Liverpool
Erstes Tor nach 140 Tagen
28. Dez. 2025, 17:04 Uhr

Florian Wirtz trifft erstmals für den FC Liverpool seit seinem Wechsel von Bayer Leverkusen und sorgt so für einen versöhnlichen Jahresabschluss gegen Wolverhampton. Die Erleichterung ist groß – doch alle Probleme sind damit nicht gelöst.
Nach seinem lange ersehnten ersten Pflichtspieltreffer für den FC Liverpool ließ Florian Wirtz seinen Emotionen freien Lauf. Ein lauter Torschrei war zu vernehmen, gefolgt von kräftigen Schlägen auf das Vereinswappen auf seinem Trikot, ehe er mit einem schelmischen Grinsen die Zunge herausstreckte. Das sollte wohl auch ein kleiner Gruß an seine Kritiker sein, die bereits spekuliert hatten, er würde wegen seiner Eingewöhnungsprobleme nie für seinen neuen Klub treffen. Die Erleichterung war deshalb nicht nur bei Wirtz offensichtlich. Die BBC berichtete, die Fans in Anfield hätten nach dem Tor „nicht bloß gejubelt, sondern getobt“.
Erst 140 Tage nach seinem Debüt für Liverpool erzielte Wirtz, 22, nun endlich das Tor, das von ihm schon lange erwartet worden war – und das er sich auch selbst viel eher erhofft hatte. Damit sorgte der bis zu 135 Millionen Euro teure Zugang von Bayer Leverkusen für einen versöhnlichen Jahresabschluss an der Merseyside. Sein Treffer zum 2:0 in der 42. Minute war der entscheidende beim 2:1-Heimsieg gegen den sieglosen Tabellenletzten Wolverhampton Wanderers. Ryan Gravenberch hatte kurz zuvor die Führung markiert, Santiago Bueno gelang in der 51. Minute der Anschlusstreffer, aber die Reds verteidigten den knappen Vorsprung. Nach drei Siegen in Serie steht das Team von Trainer Arne Slot damit erstmals seit zwei Monaten wieder auf einem Champions-League-Platz, als Vierter hinter den enteilten Spitzenteams Arsenal, Manchester City und Aston Villa.
Wirtz’ Tor war ein wahres Exponat. Hugo Ekitiké, für 95 Millionen Euro aus Frankfurt nach Liverpool gewechselt, spielte einen wunderbaren Steckpass, Wirtz verwertete ihn technisch brillant. Er nahm den Ball zentral vor dem Tor mit der rechten Innenseite an und legte ihn in einer fließenden Bewegung mit der rechten Außenseite am Torwart vorbei ins Netz. „Es war ein tolles Gefühl auf dem Platz“, sagte er schlicht und betonte, wie glücklich er sei. Weitere Einblicke gab sein Coach: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Erleichterung für ihn war“, sagte Slot, an der Reaktion des Teams habe man erkennen können, dass sich alle für ihn freuten. Beinahe wäre Wirtz in der zweiten Halbzeit ein weiteres Tor gelungen, als er nach einer Ecke den Ball schlecht erwischte und vorbeizielte.
Der Abend an der Anfield Road war mit besonderer Bedeutung aufgeladen. Die Partie stand im Zeichen des vor einem halben Jahr bei einem Autounfall tödlich verunglückten Diogo Jota. Der Portugiese hatte in England für zwei Vereine gespielt – Wolverhampton (2017 bis 2020) und Liverpool (2020 bis 2025). Das direkte Duell wurde daher zu einem emotionalen Gedenktag für den beliebten Stürmer. Jotas Familie war im Stadion, seine zwei Söhne (die Tochter ist erst ein Jahr alt) liefen gemeinsam an der Hand von LFC-Kapitän Virgil van Dijk ins Stadion ein. Weil Jota in Wolverhampton die Rückennummer 18 und in Liverpool die 20 trug, besangen ihn beide Fanlager während dieser Spielminuten.
Sportlich war die Aufgabe für Liverpool komplizierter, als es die Tabelle nahelegte. Mehrere offensive Schlüsselspieler fehlten, Dominik Szoboszlai war gesperrt, Alexander Isak fällt nach seinem Fußbruch gegen Tottenham vor einer Woche mindestens bis zum Frühjahr aus. Zudem ist Mohamed Salah derzeit mit Ägypten beim Afrika-Cup, und ob der langjährige Torjäger überhaupt noch mal nach Liverpool zurückkehrt, ist weiterhin unklar. Dies hängt wohl vor allem davon ab, ob Slot ihn für die Rückrunde als Stammspieler einplant, wofür sich die Chancen durch Isaks Verletzung zumindest erhöht haben. Florian Wirtz aber zeigte nun in dieser Gemengelage, dass er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Nach einem schwachen Start in die Saison hatte der Nationalspieler im Herbst wie die gesamte Mannschaft verunsichert gewirkt. Manchmal schien es, als versuchten er und sein Trainer, das Glück zu erzwingen; Wirtz kam immer wieder auf wechselnden Positionen zum Einsatz. Erst nach einem Neuanfang, der auf neun Pleiten in zwölf Pflichtspielen folgte, steigerte sich seine Form. Derzeit kommt er auf der linken Seite zum Einsatz, was ihm aktuell vermutlich am besten liegt: Offensiv hat er nahezu alle Freiheiten, während ihm defensiv weniger abverlangt wird.
Und es ist wohl kein Zufall, dass Wirtz seine besten Leistungen im Liverpool-Trikot in den jüngsten Spielen ablieferte, nachdem sein Nebenmann Salah zuerst auf die Ersatzbank musste, sich darüber vor drei Wochen in einem Wut-Interview beklagte und dann zur ägyptischen Nationalelf aufbrach. Denn das Zusammenspiel der beiden war nicht immer reibungslos verlaufen. Oft schloss Salah vor dem Tor selbst ab, statt den besser postierten Wirtz zu bedienen.
In der Vergangenheit galt der Publikumsliebling Salah als großes Aushängeschild des Klubs. Seit der Verpflichtung von Wirtz muss er diesen Status mit dem Deutschen mindestens teilen. Im Stadtzentrum nimmt ein riesiges Werbeplakat des neuen LFC-Ausrüsters Adidas die gesamte Fassade eines Hochhauses ein. Darauf trägt Florian Wirtz einen Trainingsanzug der Marke, über ihm prangt in Großbuchstaben das Wort „Superstar“.
Derlei Versuche, Wirtz in den Vordergrund zu rücken, dürften den eitlen Salah ebenso gestört haben wie die Tatsache, dass sein Trikot zu Saisonbeginn seltener verkauft wurde als das von Wirtz. Im September kommentierte Salah einen Beitrag eines Fan-Accounts auf X vielsagend: „Wie wäre es, wenn wir die großartigen Zugänge feiern, ohne dabei die Premier-League-Meisterspieler respektlos zu behandeln?“
Das alles hat es Wirtz nicht gerade erleichtert, sich auf seiner ersten Auslandsstation sofort zurechtzufinden. Dass nun endlich nicht mehr alle auf sein erstes Tor warten, dürfte ihm helfen, seinen Platz im Team zu finden. Doch die Ansprüche bleiben riesig. Das machten sowohl Kapitän van Dijk als auch Trainer Slot am Samstagabend deutlich. Nach einer Stunde sei Wirtz „ziemlich müde“, gewesen, merkte van Dijk an, daran müsse er noch arbeiten. Arne Slot ergänzte, dass ein Tor „nicht genug“ sei, kurz vor Schluss nahm er Wirtz vom Platz. Die Fans verabschiedeten ihn mit großem Applaus.


