Florian Wirtz beim FC Liverpool

Warten auf den großen Durchbruch

25. Sep. 2025, 14:35 Uhr

Aufgrund seines Talents steht Florian Wirtz besonders im Fokus der Gegenspieler. (Foto: Nur Photo / Imago Images)
Aufgrund seines Talents steht Florian Wirtz besonders im Fokus der Gegenspieler. (Foto: Nur Photo / Imago Images)

Florian Wirtz hat sich beim FC Liverpool seit seinem Wechsel von Bayer Leverkusen im Sommer etabliert. Allerdings wartet der deutsche Nationalspieler noch auf den großen Durchbruch. Er fremdelt mit dem intensiven Premier-League-Fußball.

Von Sven Haist, Liverpool

Als der FC Liverpool am Dienstagabend seine Aufstellung veröffentlichte, dürften die Fans von Florian Wirtz kurz zusammengezuckt sein: Der deutsche Nationalspieler stand nicht im Kader für das League-Cup-Match gegen den Zweitligisten FC Southampton. Seit seinem Wechsel im Sommer von Bayer Leverkusen an die Anfield Road für ungefähr 135 Millionen Euro, mit dem Wirtz zum bisher teuersten deutschen Fußballer wurde (vor Kai Havertz), wird jede Regung um ihn herum so aufmerksam wahrgenommen wie seine Bewegungen auf dem Spielfeld. Doch es besteht kein Gru­n­d zur Nervosität: Nicht nur Wirtz fehlte beim Einzug ins Achtelfinale, sondern auch ein Großteil des übrigen Stammformation, darunter Kapitän Virgil van Dijk und Torjäger Mohamed Salah. Das 2:1 schossen der 150-Millionen-Euro-Zugang Alexander Isak und kurz vor Schluss Hu­go Ekitiké heraus; Letzterer sah, bereits verwarnt, wegen Trikotausziehens beim Jubel die gelb-rote Karte.

So gesehen war die Schonpause von Wirtz, 22, durchaus positiv zu deuten: Er hat sich in seiner neuen Mannschaft etabliert, auch wenn ihm der große Durchbruch auf seiner ersten Auslandsstation bisher noch nicht gelungen ist. Seine Eingewöhnung am River Mersey spiegelt sich weitgehend in seinen Einsatzzeiten. In den ersten sechs Pflichtspielen stand er 84, 82, 80, 89, 87 und 74 Minuten auf dem Platz. Am vergangenen Wochenende tauchte sein Name erstmals nicht in der Startelf auf. Im Merseyside-Derby gegen den FC Everton (2:1), einem traditionell besonders intensiv geführten Duell, setzte Trainer Arne Slot zunächst auf Spieler, die mit diesem Anlass bereits vertraut sind. Wirtz wurde deshalb erst in der zweiten Halbzeit eingewechselt und absolvierte 29 Minuten.

Dabei konnte Wirtz, der zuvor in Leverkusen an 122 Toren in 197 Pflichtspielen involviert war, bisher nur eine Torbeteiligung vorweisen: Gleich im ersten Pflichtspiel der Saison, dem englischen Supercup, bereitete er ein Tor vor. Weil Liverpool zwischenzeitlich in fünf Spielen in Folge den Siegtreffer erst ab der 83. Minute erzielte, stand Wirtz beim entscheidenden Tor nur einmal auf dem Platz. Diese Bilanz ordnete Slot kürzlich ein: Sein Schützling sei mehrfach knapp dran gewesen, ein Tor zu erzielen oder vorzubereiten.

Mit dieser demonstrativen Rückendeckung versuchte der Niederländer, der aufkommenden Kritik entgegenzuwirken. Aufgrund seines noch überschaubaren Einflusses auf das Liverpooler Spiel bezeichnete ihn Steve Nicol als „Mitläufer“. Vergleichbar äußerte sich Jason McAteer, ein weiterer ehemaliger Spieler des Klubs: Wirtz sei der Herausforderung in England noch nicht gewachsen, fand er. Und Sky-Mann Micah Richards monierte, angesichts der hohen Ablöse hätte man erwartet, dass Wirtz sofort einschlage. In der englischen Presse war Ähnliches zu vernehmen. Der Independent urteilte sogar, der Spielmacher sei ein „Störfaktor“ im eingespielten Meisterteam.

Auf diese Einschätzungen reagierte Wirtz in dieser Woche. Es sei „kein Geheimnis, dass ich bisher gerne mehr erreicht hätte“, räumte er bei Sky Deutschland ein – aber er bewahre Ruhe und Geduld, „egal, was irgendwer sagt“. Manchmal gebe es einfach Phasen, in denen „nicht alles für dich läuft“. Er sei jedoch überzeugt, dass sich früher oder später alles wieder einpendeln werde. Tatsächlich sind Wirtz‘ Leistungen ansprechend; er wird überwiegend hinter den Angreifern eingesetzt. Doch schlagen sich seine Aktionen noch nicht in Scorerpunkten nieder. Bei seinen zwei besten Torchancen zuletzt standen ihm – beinahe bezeichnend – die eigenen Mitspieler unfreiwillig im Weg: Statt ihm schlossen letztlich Jeremie Frimpong und Szoboszlai die Szenen ab.

Die Anlaufschwierigkeiten von Florian Wirtz in Liverpool haben mehrere Ursachen. Als einer der talentiertesten jungen Spieler der Welt steht er besonders im Fokus der Gegner. Diese gewähren ihm keinen Raum und attackieren ihn oft mit mehreren Spielern gleichzeitig. Eine solche Dauerbewachung ist Wirtz aus der Bundesliga nicht gewohnt. Dort begegnete man ihm weniger körperlich. Zunächst war immer wieder zu beobachten, wie er Freistöße einfordert, die ihm nicht gegeben werden. In der Premier League liegt die Foul-Schwelle deutlich höher als in anderen europäischen Ligen – zugunsten des Spielflusses. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für Ballverluste und kann das Selbstvertrauen beeinträchtigen.

Diese Eigenheiten führen auf der Insel zu einem grundsätzlich intensiveren, rastloseren Spieltempo. Das verringert die Zeit am Ball und stellt auch die körperliche Belastbarkeit auf die Probe. Mit zunehmender Ermüdung leidet Wahrnehmung und Konzentration. Dass Florian Wirtz diese Umstellung von der Bundesliga auf die Premier League verinnerlichen muss, ist nicht zu übersehen. Obwohl er nach dem Final-Four der Nations League mit dem DFB-Team mehrere Wochen Urlaub hatte und die gesamte Vorbereitung mit seinem neuen Klub absolvierte, stößt er an körperliche Grenzen. Als er kürzlich angeschlagen ausgewechselt wurde, erklärte Slot schmunzelnd, es handle sich um nicht eine Verletzung, sondern um einen „Willkommensgruß“ der Premier League. Gemeint waren Krämpfe.

Darüber hinaus muss sich Wirtz auch innerhalb des Teams erst zurechtfinden. Zum einen betrifft das die Abstimmung mit Mitspielern, deren Laufwege sich Wirtz einprägen muss. Und zum anderen steht er im Konkurrenzkampf – auch als zweitteuerster Einkauf in der Premier-League-Geschichte hinter Teamkollege Isak. Den Status als unantastbarer Spieler, den er in Leverkusen innehatte, muss er sich in Liverpool erst wieder erarbeiten. Dies liegt daran, dass er nun von lauter prominenten Akteuren umgeben ist. Allein im Mittelfeld verfügt Liverpool neben Wirtz über mehrere internationale Spitzenkräfte: den Strategen Ryan Gravenberch, den Antreiber Szoboszlai sowie Argentiniens Weltmeister Alexis Mac Allister.

Neben dem sportlichen Alltag gilt es, sich abseits des Platzes in neuer Umgebung einzuleben. „All die Dinge, die normal waren, sind plötzlich nicht mehr normal“, erklärte Slot. Solche Umstellungen bräuchten Zeit. Auch für ihn selbst sei das bei seiner ersten Station außerhalb der Niederlande nicht anders gewesen. Wirtz, so betonte Slot, 47, passe sich gut an. „Er wird mit jedem Spiel besser und fitter.“ Vom Vertrauen seines Trainers profitiert Florian Wirtz vom ersten Tag an. Slot hatte ihn als Wunschspieler nach Liverpool geholt und plant fest mit ihm. Gerade deshalb hatte Wirtz dem ebenfalls stark an ihm interessierten FC Bayern eine Absage erteilt.

Sein Start erinnert an den seines Landsmanns Kai Havertz, der vor fünf Jahren von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea gewechselt war. Havertz tat sich zunächst genauso schwer, setzte sich aber durch – wegen seines fußballerischen Talents und dem notwendigen Beharrungsvermögen. Beides erkennt Slot auch bei Wirtz: „Ihn nur als Künstler zu bezeichnen, wird ihm nicht gerecht. Er ist ein Künstler – der auch unangenehm sein kam.“ Diese Seite zeigte Florian Wirtz indirekt, als er mit einem Satz von Jürgen Klopp konfrontiert wurde. „Die Leute geben dir Zeit“, hatte die Klubikone beschwichtigend gesagt – woraufhin Wirtz erwiderte, dass er das Zeit-Argument „gar nicht die ganze Zeit hören“ wolle. Für ihn gehe es darum, in jedem Spiel erneut zu versuchen, es besser zu machen als im letzten. Am Samstag bietet sich im Auswärtsspiel bei Crystal Palace die nächste Gelegenheit. Dann wird Florian Wirtz wohl sicher wieder im Kader stehen.

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