Krise des FC Liverpool

Slot setzt das Leistungsprinzip außer Kraft

23. Nov. 2025, 16:30 Uhr

Nur 15 Ballkontakte in 68 Minuten: Liverpools Alexander Isak wartet weiter auf sein erstes Tor in der Premier League für seinen neuen Klub. (Foto: Matt West / Shutterstock / Imago Images)
Nur 15 Ballkontakte in 68 Minuten: Liverpools Alexander Isak wartet weiter auf sein erstes Tor in der Premier League für seinen neuen Klub. (Foto: Matt West / Shutterstock / Imago Images)

Sechs Pleiten in sieben Ligaspielen, höchste Heimniederlage und Absturz in die untere Tabellenhälfte: Arne Slots Fürsorge für die Stars hat das Leistungsprinzip beim FC Liverpool außer Kraft gesetzt. Die Folgen werden beim 0:3 gegen Nottingham sichtbar.

Von Sven Haist, London

Die Spieler des FC Liverpool standen in der eigenen Spielhälfte und schienen sich fragend anzusehen. Gerade hatte Trainer Arne Slot im Heimspiel gegen Nottingham Forest seine letzte Auswechslung vorgenommen: Der offensive Li­nksaußen Rio Ngumoha ersetzte den Rechtsverteidiger Curtis Jones. Mit dieser Schlussoffensive wollte Slot die Partie noch irgendwie wenden, wie er später erklärte. Tatsächlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Verteidiger, dafür drei Mittelfeldspieler und fünf Stürmer auf dem Platz – und dazu immerhin noch ein Torwart. Doch der Plan ging sofort nach hinten los: Zehn Sekunden nach der Spielfortsetzung lag der Ball bereits im eigenen Netz; Nottinghams Morgan Gibbs-White hatte in der 78. Minute einen Abpraller verwertet. Die Fans verließen daraufhin in Massen das Stadion an der Anfield Road.

0:3 (0:1) gegen das vor der Partie auf dem vorletzten Tabellenplatz stehende Nottingham: Höher hat der FC Liverpool in seiner Premier-League-Historie zu Hause noch nie verloren. Sechs der jüngsten sieben Ligaspiele hat der Meister verloren, nach zwölf Spieltagen hängt er in der unteren Tabellenhälfte fest. Dabei hatten die US-amerikanischen Eigentümer vor der Saison als klares Ziel ausgegeben: „mehr Trophäen gewinnen“. Sie investierten dafür fast eine halbe Milliarde Euro Ablöse für neue Spieler – doch bisher hat sich diese Summe nicht nur nicht ausgezahlt, sie ist sogar zum Problem geworden.

Während Slot in der Vorsaison häufig mit einer festen Startelf spielte, wirkt er nun bei der Wahl des Personals überfordert angesichts all der Optionen. Wie bereits im Herbst, als seine Mannschaft auch wegen ständiger Wechsel vier Ligaspiele in Serie verlor (ehe Slot kurzfristig und erfolgreich wieder zur Meisterelf aus dem Vorjahr zurückkehrte), setzte er gegen Nottingham abermals das Leistungsprinzip außer Kraft. So gab er dem nachweislich nicht fitten Rekordtransfer Alexander Isak im Sturm den Vorzug gegenüber dem formstarken Franzosen Hugo Ekitiké. Auch der neue Linksverteidiger Milos Kerkez rückte überraschend in die Anfangsformation, für Andrew Robertson. Und Slot stellte den fürs Mittelfeld eigentlich unentbehrlichen Dominik Szoboszlai als Rechtsverteidiger auf. Dabei saßen in Joe Gomez (der laut Slot aber angeschlagen war) und Calvin Ramsay zwei Optionen für diese Position auf der Bank.

Die genannten Personalentscheidungen korrigierte Slot in der zweiten Halbzeit. Seine Mannschaft wirkte nach den Gegentreffern von Murillo (33.) und Nicolò Savona (46.) auffallend verunsichert und erspielte sich kaum Torchancen. Doch auch die Auswechslungen von Innenverteidiger Ibrahima Konaté, Isak und Kerkez sowie später von Jones, der zuvor für Szoboszlai in die Abwehr zurückbeordert worden war, brachten keine Stabilität – weil Slot dabei erneut das Grundgerüst der Mannschaft veränderte. Als Ersatz für Ibrahima Konaté zog er den Mittelfeldstrategen Ryan Gravenberch nach hinten, bevor er am Ende die Abwehr komplett auflöste.

Eine Erklärung für sein Vorgehen hatte Slot bereits am Tag vor dem Spiel geliefert: Spieler wie Isak würden nur ihr Leistungsniveau erreichen, wenn er ihnen regelmäßig Spielpraxis verschaffe, sagte er sinngemäß. Das mag zutreffen, ließe sich aber auch durch gezielte Einwechslungen erreichen. Mit seinem Personalmanagement tut Slot offenbar nicht einmal Isak einen Gefallen: Der 26 Jahre alte Torjäger kam gegen Nottingham auf lediglich 15 Ballkontakte in 68 Minuten, die wenigsten aller Startelfspieler. So steigt der Druck auf den in der Liga weiter torlosen Zugang noch mehr.

Slots Fürsorge für seine Stars, von denen der vom DFB-Team verletzt zurückgekehrte Florian Wirtz fehlte, steht im Gegensatz zu seinem Umgang mit weniger exponierten Kaderspielern; mannschaftsdienliche Akteure wie Gomez oder Wataru Endo finden fast keine Berücksichtigung. Dies ist wohl der größte Unterschied zu seinem Vorgänger Jürgen Klopp. Während Klopp aus allen Spielern nahezu ihre beste Leistung herausholte, gelingt Slot dies in dieser Saison nicht.

Nach dem Nottingham-Debakel gestand Slot, dass er „nie genug Ausreden finden“ könne, um die schlechten Ergebnisse zu rechtfertigen. Er übernahm die Verantwortung dafür und bemühte sich wie gewohnt um Sachlichkeit und Souveränität. Noch genießt er den Rückhalt im Verein. Doch dass der Klubvorsitzende Tom Werner extra aus den USA angereist war, unterstreicht subtil, dass auch der Trainer inzwischen genauestens beobachtet wird. Immerhin blieb Werner bis zum Abpfiff im Stadion.

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