Rio Ngumoha beim FC Liverpool

Wie einst Wayne Rooney

26. Aug. 2025, 17:38 Uhr

Rio Ngumoha ist erst der vierte Sechzehnjährige, der in der Premier League trifft. Experten bescheinigen ihm eine Laufbahn wie einst Wayne Rooney. (Foto: Richard Lee / Shutterstock / Imago Images)
Rio Ngumoha ist erst der vierte Sechzehnjährige, der in der Premier League trifft. Experten bescheinigen ihm eine Laufbahn wie einst Wayne Rooney. (Foto: Richard Lee / Shutterstock / Imago Images)

Rio Ngumoha schießt den FC Liverpool in der Nachspielzeit furios zum Sieg gegen Newcastle United – mit 16 Jahren. Damit ist Ngumoha der jüngste Torschütze des Klubs. Muss Liverpool nun überhaupt noch Newcastles Aleksander Isak verpflichten?

Von Sven Haist, London

Der Jubel des erst 16 Jahre alten Teenagers Rio Ngumoha war ebenso jugendlich intuitiv wie sein Siegtor für den FC Liverpool. Mit dem rechten Zeigefinger deutete der Stürmer nach oben, hin zu den eigenen Fans, die unter dem Dach des St. James’ Park in Newcastle einquartiert waren. Sein Gruß fand dort denselben Anklang wie sein unwiderstehlicher Treffer in der zehnten Minute der Nachspielzeit, der den Reds am Montagabend in einem absurden Spiel den 3:2 (2:0)-Erfolg bei Newcastle United sicherte. Ngumoha verhinderte damit bei seinem Premier-League-Debüt nicht nur eine Blamage für sein Team, das zuvor trotz Überzahl eine 2:0-Führung hergegeben hatte – er trug sich auch in die Rekordliste seines Klubs ein.

Vier Tage vor seinem 17. Geburtstag wurde Ngumoha zum jüngsten Torschützen in der ruhmreichen Historie des FC Liverpool. Zudem ist der Engländer der viertjüngste Spieler überhaupt, dem je ein Treffer in der Premier League gelang. Die einzigen Sechzehnjährigen in dieser Liste waren bisher: James Vaughan, James Milner und Wayne Rooney – Letzterer war bei seinem Debüttor für Everton im Oktober 2002 einen Tag jünger als Ngumoha.

Rio Ngumoha trifft bereits vier Minuten nach seiner Einwechslung

Für seinen denkwürdigen Treffer benötigte Ngumoha, der altersbedingt nicht mal über einen Profivertrag verfügt, nicht mehr als vier Minuten. Trainer Arne Slot hatte ihn erst in der sechsten Minute der Nachspielzeit eingewechselt, wohl um das Unentschieden durch eine kleine Unterbrechung zu sichern – und um seiner taumelnden Elf einen letzten Impuls zu geben. Der junge Linksaußen ersetzte Cody Gakpo und veränderte mit seiner Unbekümmertheit die Haltung im Team, das zu diesem Zeitpunkt völlig entnervt wirkte. Anders als viele Mitspieler wollte Ngumoha nicht nur das 2:2 ins Ziel bringen, er wollte ein Zeichen setzen. Und das tat er – bei seiner ersten Chance, mit einer furiosen Direktabnahme im Strafraum. Erfahrene Kollegen merkten später trocken an, sie hätten diesen Ball vermutlich erst angenommen und dann abgeschlossen.

Am Sonntag empfängt Liverpool im Spitzenspiel den Tabellenführer Arsenal

In dieser finalen Aktion der Partie agierte Newcastle überhastet. Drei Spieler stürzten sich auf Ryan Gravenberch, um den Ball zu erkämpfen und einen Konter einzuleiten. Doch Gravenberch, der bereits Liverpools 1:0-Führung erzielt hatte (35.), steckte den Ball clever zu Mohamed Salah durch, womit sich die Reds plötzlich in einer aussichtsreichen Angriffsposition befanden. Salah nutzte den Raum für einen präzisen Querpass von rechts auf Dominik Szoboszlai, der einen Schuss antäuschte, den Ball jedoch überraschend durch seine Beine zu Rio Ngumoha rollen ließ, der hinter ihm stand. Dessen Schlenzer rotierte schließlich mit einer Eleganz ins Tor, die an die Bewegung von Planeten erinnerte. Durch den Prestigesieg bleibt Liverpool nach zwei Spieltagen in der Premier League ohne Punktverlust – als einer von nur drei Klubs, neben Tottenham und Tabellenführer FC Arsenal, den die Reds nun am kommenden Sonntag zum Spitzenspiel in Anfield empfangen.

Das Match bekam seine besondere Brisanz durch die Personalie Aleksander Isak

Das Match in Newcastle bekam besondere Brisanz durch die Personalie Alexander Isak. Newcastles Stürmer will in diesen letzten Tagen der Sommertransferperiode unbedingt noch nach Liverpool wechseln. Weil Newcastle ihm trotz Offerten von bis zu 150 Millionen Euro bislang die Freigabe verweigert, boykottiert der Schwede seit Wochen das Training – und fehlte auch im direkten Duell mit Liverpool. Angeblich gab es vor dem Spiel ein Gespräch in Isaks Haus, bei dem ihn hochrangige United-Vertreter umstimmen wollten.

Newcastles Unmut über die Abwerbeversuche verschärfte das ohnehin angespannte Verhältnis zum Rivalen Liverpool. Die Spieler der Gastgeber schien das zusätzlich anzutreiben. Sie gingen ans Limit und darüber hinaus: Isaks Vertreter im Angriff, Anthony Gordon, sah nach einer Grätsche von hinten gegen Virgil van Dijk die rote Karte (45.+3); Sturmkollege Joelinton musste mit einer Oberschenkelverletzung vom Platz (76.) – und auch Innenverteidiger Fabian Schär konnte nach einer Platzwunde am Kopf nicht weiterspielen (81.). Angetrieben von seinen Fans kämpfte sich Newcastle trotzdem beeindruckend und über Standards zurück ins Spiel, erst traf Kapitän Bruno Guimarães nach einem Einwurf (1:2/57.), dann stocherte der eingewechselte William Osula nach einem Freistoß den Ball zum 2:2 ins Tor (88.).

Holt Liverpool trotzdem noch Isak? Trainer Arne Slot will sich dazu nicht äußern

Fußballfans auf der Insel witzelten, die enorme Intensität beider Teams habe den Eindruck erweckt, als spiele man an diesem Abend um die Dienste Isaks; in Anlehnung an „El Clasico“ wurde das Match im Vorfeld als „El Isako“ bezeichnet. So gesehen, müsste sich Liverpool im Werben um den Spieler jetzt also durchsetzen. Allerdings stellt sich nach diesem 3:2 die Frage, ob der Transfer überhaupt notwendig ist.

Eine Verpflichtung von Isak hätte wohl zur Folge, dass der derzeit im Sturmzentrum eingesetzte Zugang Hugo Ekitiké – der mit seinem Tor zum 2:0 (46.) bisher in allen drei Pflichtspielen für Liverpool getroffen hat – auf die linke Seite ausweichen müsste. Dorthin, wo sich nach dem Abschied von Luis Díaz zum FC Bayern nun der junge Glücksbringer Rio Ngumoha als echte Alternative zu Cody Gakpo empfiehlt. Trainer Slot wollte sich zum aktuellen Stand der Transferaktivitäten nicht äußern. Aus seiner Sicht solle es um Ekitiké, Ngumoha & Co. gehen, alles andere wäre „nicht fair“.

Vor einem Jahr kam Rio Ngumoha von Chelsea; dort prophezeite ihm John Terry großes Talent

Der 16-jährige Rio Ngumoha kam vor einem Jahr aus der Akademie des FC Chelsea, über die Umstände des Wechsels herrscht bis heute Stillschweigen. Bereits damals äußerte sich der frühere Chelsea-Kapitän John Terry zu dem Junioren-Nationalspieler: „Dieser Junge ist und wird ein Topspieler.“ Bislang gibt ihm die Entwicklung recht. Ngumoha debütierte im vergangenen Januar im FA Cup für die Profis und wurde mit 16 Jahren und 135 Tagen der jüngste Spieler der LFC-Geschichte. Während der Sommervorbereitung erarbeitete er sich nun das Vertrauen von Slot. Der sagte am Montagabend anerkennend, Ngumohas Tor sei für einen Spieler seines Alters „herausragend“. „Ein Traumdebüt“, befand derweil der Teamkollege van Dijk.

Ngumoha wäre zu wünschen, dass er eine ähnliche Laufbahn einschlägt wie einst Wayne Rooney. Nach dessen erstem Tor rief einst der Kommentator: „Remember the name!“ – merkt euch diesen Namen. Das gilt auch für Rio Ngumoha.

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