1000. Spiel von Pep Guardiola
Besser als jede Spielbank
10. Nov. 2025, 15:56 Uhr

Zu seinem Jubiläum als Trainer schlägt Pep Guardiola ausgerechnet den FC Liverpool und beendet damit die Krise des Klubs. Der Katalane wird von Spielern und Fans gefeiert – und erhält prominente Glückwünsche.
Immer wieder suchte Pep Guardiola den Blickkontakt zu seiner Familie auf der Tribüne. Nach jedem Tor für seine Mannschaft wandte sich der Trainer von Manchester City vom Spielfeld ab und gestikulierte in Richtung seiner Kinder: Er winkte, schickte Kusshände. Sein 1000. Pflichtspiel als Cheftrainer schien ihm weit mehr zu bedeuten, als man angesichts seiner titelreichen Laufbahn mit unter anderem drei Champions-League-Siegen vermuten würde. Diese beeindruckende Zahl steht für fast zwei Jahrzehnte am Seitenrand: Seit 2007 betreute der 54 Jahre alte Katalane zunächst 42 Spiele für die zweite Mannschaft des FC Barcelona, es folgten 247 für die Profis desselben Klubs, 161 Matches für den FC Bayern und schließlich 550 Partien für City in den vergangenen neun Jahren.
Für sein Jubiläum hatte sich Guardiola als Gegner den FC Liverpool gewünscht, den „größten Rivalen“ seiner Zeit in England, wie er vor einigen Tagen hervorhob. Dass es am Sonntagabend in Manchester tatsächlich so kam, hielt Guardiola für eine „Entscheidung des Universums“. Kein Verein hat ihn in seiner Trainerlaufbahn mehr geärgert als die bis vor einem Jahr von Jürgen Klopp angeleiteten Reds, die zehn der 25 Duelle (bei sieben Unentschieden) gewannen – mehr Siege erreichte kein anderer Klub gegen ihn. Doch zu seinem Trainerjubiläum erwiesen sich die Liverpooler diesmal als vornehme Gäste und Gratulanten.
Mit einem souveränen 3:0 (2:0) machten die Citizens ihrem verehrten Trainer ein großes Geschenk, für das sich Guardiola anschließend bei jedem einzelnen Spieler sichtlich gerührt bedankte. Während der Ehrenrunde legte die Stadionregie den schmachtenden Fangesang „We’ve got Guardiola“ auf – eine Abwandlung des Sechzigerhits „Glad All Over“ der Band The Dave Clark Five. Die City-Anhänger erhoben sich von ihren Sitzen und spendeten Guardiola langen Applaus. Schon vor dem Anpfiff hatten sie ihren Coach mit zahlreichen Plakaten gefeiert. Auf einem war zu lesen „We’ve got Guardiola – 1000 Games“, ein anderes zeigte ihn mit Zigarre im Mund, und ein weiteres trug die katalanische Aufschrift: „Pep Guardiola, volem que et quedis“. Wir wollen, dass du bleibst.
Am Saisonende würde Guardiola zehn Jahre in Manchester vollmachen, sein Vertrag läuft noch bis 2027. Sein Durchhaltevermögen in der schnelllebigen Trainerbranche führt er selbst auf seine besondere Hingabe, Leidenschaft und Liebe zum Spiel zurück. „In diesen Kategorien schlägt mich niemand“, sagt der stets rastlos wirkende Guardiola über sich. Wer wollte ihm widersprechen? Zumal er von seinen 1000 Spielen 716 gewonnen hat – mit dieser Gewinnquote hätte er in jeder Spielbank Hausverbot.
Das Duell mit Liverpool geriet am Sonntag zur Hommage an den Trainer. Sie beinhaltete die feine Pointe, dass City die Partie ausgerechnet auf jene Weise gewann, die einst typisch für Klopp war: mit unwiderstehlichem Pressing. Guardiola hatte im Sommer den Niederländer Pepijn Lijnders verpflichtet – Klopps langjährigen Assistenten in Liverpool, der als Cheftrainer bei Red Bull Salzburg nach einem halben Jahr entlassen worden war. Der Dauerchampion überraschte das Team von LFC-Trainer Arne Slot mit einer furiosen ersten Halbzeit. City attackierte früh mit zwei Spitzen, zudem rückte Bernardo Silva auf, um Liverpools Spielgestalter Ryan Gravenberch in Manndeckung zu nehmen. Zwar gerieten Guardiolas Spieler dadurch nominell im Mittelfeld in Unterzahl, doch sie positionierten sich derart geschickt zwischen ihren Kontrahenten, dass sie zwischen ihnen hin und her springen konnten. Ohne Anspielstationen konnte Liverpool kaum den Ball halten und sich aus der eigenen Hälfte befreien.
Citys Dauerdruck führte zum Kopfballtor von Erling Haaland (29. Minute), der zuvor einen Foulelfmeter vergeben hatte, sowie zum von Virgil van Dijk abgefälschten Distanzschusstreffer von Nicolás González (45.+3). Besonders bitter für den LFC war: die Aberkennung des vermeintlichen Ausgleichstreffers durch van Dijk. Bei dessen Kopfball ahndete Schiedsrichter Chris Kavanagh eine Abseitsstellung von Andrew Robertson, der das Sichtfeld von City-Torwart Gianluigi Donnarumma eingeschränkt haben soll – was sich jedoch eher als Fehlentscheidung erwies. Der Treffer zählte auch zunächst, bis der Assistent, vermutlich nach Rücksprache mit Kavanagh, 13 Sekunden später doch die Fahne hob; der Videoassistent bestätigte anschließend den Beschluss.
Nach der Pause drehte sich die Partie: City konnte das hohe Anfangstempo nicht halten und wurde von Liverpool in die Defensive gedrängt. Die beste Gelegenheit auf den Anschlusstreffer vergab Cody Gakpo aus kurzer Distanz. Stattdessen sorgte der überragende Belgier Jérémy Doku kurz darauf per Schlenzer für die Entscheidung (63.). Mit dem ersten Premier-League-Sieg gegen Liverpool seit zweieinhalb Jahren rückte City auf Rang zwei vor – vier Punkte hinter Tabellenführer Arsenal. Das Verfolgerfeld ist so eng beisammen wie seit vielen Spielzeiten nicht mehr. Zwischen City und dem Zehnten Crystal Palace liegen lediglich fünf Punkte.
Sein Jubiläum berührte Guardiola wohl auch deshalb, weil ihm in den Tagen vor der Partie ein Film gezeigt worden war, in dem ihn langjährige Trainerkollegen aus dem „1000-Spiele-Klub“ – von Arsène Wenger über Sam Allardyce und Tony Pulis bis hin zu Roy Hodgson – als neues Mitglied willkommen hießen. Auch Alex Ferguson als Vorsitzender der Trainervereinigung in England und Jürgen Klopp schickten Grüße; Klopp merkte süffisant an, er habe die Marke bereits erreicht – das sei wohl das einzige Mal, dass er in irgendeiner Form vor Guardiola stehe.
Für Guardiola könnte mit dieser Wegmarke das Ende einer sportlich nicht einfachen Zeit verbunden sein. Eine solche Krise (auch dank Transferinvestitionen von 450 Millionen Euro in diesem Jahr) zu bewältigen, war womöglich eine der letzten verbliebenen Herausforderungen für ihn. Als Belohnung kündigte Guardiola nach dem Spiel gegen Liverpool an, sich ein paar freie Tage zu gönnen – mit seinen eigens angereisten Kindern.
Der Philosoph wird pragmatisch
Pep Guardiola verordnet beim schlechtesten Saisonstart seiner Trainerlaufbahn gegen den FC Arsena radikalen Defensivfußball. Konträr zu sportlichen Lage präsentiert sich der Trainer von Manchester City in lockerer Stimmung - und witzelt über seine Taktik.
