Pep Guardiola verlässt Manchester City
Ein Vermächtnis, das Johan Cruyff nicht unähnlich ist
23. Mai 2026, 13:32 Uhr

Nach zehn Jahren tritt Pep Guardiola als Trainer von Manchester City zurück. Er hat nicht nur den Verein transfomiert, sondern auch den englischen Fußball. Ein Kompliment von Alex Ferguson rührt ihn fast zu Tränen – weil es besondere Erinnerungen weckt.
Es hätte zu Josep Guardiola gepasst, wenn er am Freitag ausschliesslich Fragen zum nächsten Gegner beantwortet hätte. «Aston Villa», sagte der Trainer von Manchester City zu Beginn des Mediengesprächs scherzend, klopfte mit den Handflächen auf den Tisch und begann zu lachen.
Die Pointe sass – denn den Reportern ging es selbstredend nicht um das Abschlussspiel gegen Aston Villa am Sonntag, sondern allein um Guardiolas bevorstehenden Abschied. Den Rückzug des Katalanen zum Saisonende hatte der Klub zuvor in einer Mitteilung bestätigt, nachdem sich entsprechende Gerüchte bereits am vergangenen Montag in der Fussballöffentlichkeit verbreitet hatten: Guardiola, 55 Jahre alt, wird nach genau zehn Jahren bei Manchester City aufhören – trotz einem noch bis Juni 2027 laufenden Vertrag.
Der Gedanke an seinen Abschied liess Guardiola erkennbar emotional werden. Vor seinen Ausführungen atmete er tief durch, später war er mehrfach den Tränen nahe. Er habe in sich gespürt, dass «meine Zeit gekommen» sei, erklärte er pathetisch. Als Grund führte er an, ihm gehe «langsam die Energie» aus. Eigentlich hatte der Katalane vor, seine Tätigkeit bereits vor einer Saison zu beenden. Doch damals geriet der Klub in eine Krise, eine umfassende Erneuerung des Kaders erschien unausweichlich. In dieser Situation wollte er City nicht zurücklassen.
Die Titel im League Cup und FA Cup ermöglichen ihm, nun einen versöhnlichen Schlusspunkt hinter eine bemerkenswerte Dekade zu setzen. Bis zuletzt hatte Guardiola noch öffentlich mit einem Verbleib kokettiert, auch seine Spieler unterrichtete er von seiner schon seit geraumer Zeit gefallenen Entscheidung erst unmittelbar vor ihrer Bekanntgabe. Die Ansprache an das Team sei ein «Desaster» gewesen, so kritisierte sich Guardiola selbst – er sei nämlich «so nervös wie nie» gewesen.
Aber damit wollte er, typisch für den Perfektionisten, nur vermeiden, dass seine Equipe in der seit Dienstag zugunsten des FC Arsenal entschiedenen Meisterschaft an Spannkraft verliert. Zudem fiel es ihm tatsächlich schwer, Manchester City zu verlassen. Wie schon auf seinen Stationen beim FC Barcelona (2008–2012) und beim FC Bayern (2013–2016) entstand ein äusserst enges Verhältnis zu Spielern, Mitarbeitern, Funktionären und Fans.
In Manchester war diese Bindung besonders intensiv. Das lag daran, dass der seit 2008 aus Abu Dhabi alimentierte und mit Milliarden Petrodollars hochgerüstete Verein bei Guardiolas Ankunft in keiner Weise über eine ähnliche Erfolgshistorie verfügte wie Barça oder die Bayern. Für ihn bedeutete das die seltene Möglichkeit, einen Klub weitgehend nach eigenen Vorstellungen aufzubauen und zu formen – ganz im Sinne seines grossen Vorbilds Johan Cruyff, den er beinahe wie einen Fussballgott verehrte. Über Cruyff sagte Guardiola einst ehrfürchtig, dieser habe «die Mentalität von zwei Vereinen, Ajax Amsterdam und Barcelona, als Spieler und Trainer verändert», was unmöglich zu kopieren sei.
In gewisser Weise ist ihm das inzwischen selbst gelungen: Guardiola hat sowohl Manchester City als auch den englischen Fussball geprägt. Die Premier League lebt zwar seit je von einem direkten und körperbetonten Spielstil ihrer Mannschaften – doch unter ihm etablierte sich daneben eine neue Kultur des Ballbesitzfussballs. Zu Beginn seiner Amtszeit legte sich der Trainer offen mit den geltenden Fussballgesetzen auf der Insel an: Er lehnte rustikal geführte Zweikämpfe ab, verachtete Grätschen und forderte seine Spieler und selbst den Torwart auf, unter quasi keinen Umständen den Ball hoch nach vorn zu schlagen. Schnelles Kurzpassspiel schien ihm so wichtig zu sein wie das Ergebnis. Die «Times» schrieb pikiert, Guardiola denke, er könne «den Mount Everest im T-Shirt» besteigen.
Schon längst ist Guardiola auf Englands Fussballgipfel angekommen. Vielleicht zwar nicht im T-Shirt, aber im Hoodie von Manchester City, den er an Spieltagen fast immer trägt. Er gewann mit dem Klub insgesamt sechs Meisterschaften, vier davon in Serie. Hinzu kommen zahlreiche weitere Pokale, nach eigener Darstellung zwanzig in zehn Jahren, wie er stolz vorrechnet. Den Höhepunkt erreichte er vor drei Jahren, als er City im Rahmen eines historischen Titel-Triple zum ersten Triumph in der Champions League führte.
Damit bewies er zugleich seinen Kritikern, die ihm mangelnden Pragmatismus in wichtigen Spielen vorwerfen, auch ausserhalb Barcelonas den Königswettbewerb gewinnen zu können. 2009 und 2011 hatte er bereits ein schier unbezwingbares Team um Lionel Messi angeleitet.
Zu seinem Vermächtnis in Manchester gratulierte ihm die Trainerlegende Alex Ferguson. Dessen Sprachnachricht bezeichnete er als eines «der grössten Komplimente», die er je erhalten habe – auch deshalb, weil Ferguson als Augenzeuge von Guardiolas Werk gilt, während Johan Cruyff diesen Abschnitt seines Schaffens nicht mehr miterlebte. Er starb im März 2016, kurz bevor Guardiola in Manchester anheuerte. Als dieser darüber spricht, versagt ihm für einen Moment die Stimme. Zu Ferguson pflegt er ebenfalls ein besonderes Verhältnis, nicht zuletzt aufgrund von dessen einzigartigen Erfolgen. Dieser hatte Manchester City vor Guardiolas Amtszeit als «laute Nachbarn» verspottet. Er sei überzeugt, Ferguson würde das heute nicht mehr sagen, meinte Guardiola.
Vielleicht liegt genau darin seine grösste Errungenschaft: dass Manchester City inzwischen national wie international zwar nicht geliebt, aber respektiert wird. Er verlasse den Verein «im inneren Frieden», so Josep Guardiolas Bilanz. Nichts sei für immer – sonst wäre er noch hier, sagte er. Bleiben werden ihm die Erinnerungen an eine aussergewöhnliche Zeit.
Nächster melodramatischer Abschied
Barcelona, München, Manchester: Wenn Pep Guardiola einen Klub verlässt, wird es emotional. Das liegt vor allem an seiner tiefen Verbundenheit zu Spielern, Fans und Vereinen.
