Torwartposition bei Manchester City

Stefan Ortega mit der Cruyff-Drehung

08. Apr 2024, 17:57 Uhr

Überrascht Palace-Stürmer Jean-Philippe Mateta mit einer Cruyff-Drehung im eigenen Fünfmeterraum: Stefan Ortega, Ersatztorwart von Manchester City. (Foto: Dave Shopland)
Überrascht Palace-Stürmer Jean-Philippe Mateta mit einer Cruyff-Drehung im eigenen Fünfmeterraum: Stefan Ortega, Ersatztorwart von Manchester City. (Foto: Dave Shopland)

In Abwesenheit des verletzten Stammtorwarts Ederson brilliert Stellvertreter Stefan Ortega bei Manchester City. Nach viereinhalb tadellosen Pflichtspielen und einer technisch hochwertigen Aktion im eigenen Strafraum könnte seine Form zu einem Torwartwechsel im Saisonfinale führen.

Von Sven Haist, London

Das Ballgeschick von Stefan Ortega würde vermutlich auch als Feldspieler für Aufmerksamkeit sorgen. Dass er jedoch nicht zur Spezies der Offensiv-Virtuosen oder Dribbelkünstler gehört, sondern bisher in Anführungszeichen nur Ersatztorwart von Manchester City ist, macht ihn bisweilen zur Attraktion in der Premier League – so, wie am Samstagmittag beim Auswärtsspiel seines Klubs gegen Crystal Palace.

Beim Stand von 1:1 löste Citys Rodrigo kurz vor der Halbzeitpause eine unübersichtliche Situation im eigenen Strafraum mit einem Rückpass zu Ortega auf. Dabei übersah der Mittelfeldspieler, dass sich Palace-Stürmer Jean-Philippe Mateta bereits in der Nähe des Torhüters befand. Dadurch bestand für Ortega bei der Klärungsaktion vor dem Tor die Gefahr, seinen Gegenspieler anzuschießen. Deswegen entschied sich der 31-Jährige reaktionsschnell, Mateta auszuspielen statt den Ball zur Seite abzuwehren. Er stellte im Fünfmeterraum seinen Körper zwischen Ball und Angreifer, täuschte einen Befreiungsschlag vor, um die Kugel dann geschickt mit rechts hinter sein Standbein zu ziehen und dynamisch die Richtung zu wechseln.

Der Trick von Stefan Ortega wurde häufiger angesehen als die City-Tore

Mit diesem Manöver erwischte er Mateta auf dem falschen Fuß: Der Franzose lief ins Leere und wirkte so verblüfft ob des Tricks, als wäre der Ball plötzlich zauberhaft verschwunden. Diesen brachte Ortega daraufhin mit links aus der Gefahrenzone. Fast hätte sein etwas zu hoher Pass für Mitspieler Kevin De Bruyne sogar einen Konter eingeleitet.

https://twitter.com/ManCity/status/1776722800771994027
Stefan Ortega klärte mit einer “Cruyff-Drehung” einen gefährlichen Rückpass.

Ein solcher Move wurde einst zu Ehren des Wunderfußballers Johan Cruyff als “Cruyff-Drehung” benannt. Der Niederländer hatte die Bewegung perfektioniert und sie in gewisser Weise stilbildend gemacht. Cruyff hätte selbst wohl die größte Freude an Ortegas Aufführung gehabt. Die Szene verbreitete sich im Internet an diesem Wochenende so schnell wie kein anderer Fußballclip. Auf Citys X-Profil hatten sich tags darauf zwei Millionen Menschen das Video angesehen – das damit weitaus höhere Aufrufe erreichte als die bisweilen ebenso hochwertigen Treffer von City. Doppeltorschütze De Bruyne sowie Rico Lewis und Erling Haaland sorgten für das standesgemäße 4:2 (1:1).

Trainer Guardiola hält Stefan Ortega für einen “außergewöhnlichen Torhüter”

Mit der artistischen Rettungsaktion hat sich Ortega, der bei beiden Gegentoren chancenlos war, in Stellung gebracht für eine der spannendsten Personalentscheidungen bei City in dieser Saison. Nachdem Stammtorwart Ederson zuletzt einige Wochen ausgefallen war, untermauerte er durch mehrere Spitzenleistungen seine Ambitionen auf den Status der Nummer eins. Erstmals seit dem Wechsel von Bundesliga-Absteiger Arminia Bielefeld zu City 2022 bekam Ortega gegen Palace den Vorzug vor Ederson – obwohl dieser voll einsatzfähig gewesen wäre und auch nicht geschont wurde. Nach dem Spiel sagte Trainer Pep Guardiola, dass Ederson sich zwar gut fühle, aber ihm Rhythmus fehle.

Die Aussage deutet mindestens daraufhin, dass ein möglicher spektakulärer Torwartwechsel bei City vor dem Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid in der Champions League nicht auszuschließen ist. Denn an der Form von Ederson dürfte sich in den wenigen Tagen bis Dienstag kaum etwas ändern. Zudem wäre es ungewöhnlich, mit ihm für das Real-Spiel zu planen, ihm aber davor nicht die bemängelte Spielpraxis zu gewähren. Auf die Nachfrage, ob der Deutsche im Tor bleibt, reagierte Guardiola ausweichend: Er müsse “darüber nachdenken” – und fügte an, er sei “wirklich zufrieden” mit Ortega, der ein “außergewöhnlicher Torwart” sei.

Ortegas Besonnenheit steht im Kontrast zur manchmal ungestümen Art des Konkurrenten

Zwischen den City-Keepern besteht die Regelung, dass Ederson in der Premier League und Champions League zum Einsatz kommt, Stefan Ortega in den nationalen Pokalwettbewerben. Aber Ortega wurde auch immer signalisiert, der jeweils bessere Torwart nehme die profilierte Stellung in der Mannschaft ein. Bisher gab Ederson mit seinen meist anstandslosen Leistungen kaum Anlass für einen Wechsel. Im März leistete sich der manchmal ungestüm agierende Brasilianer jedoch zwei unüberlegte Aktionen in Serie: Gegen Manchester United räumte der 30-Jährige außerhalb seines Strafraums mit einer Grätsche den Stürmer Alejandro Garnacho ab. Weil er gerade noch den Ball erwischte, kam er ohne möglichen Platzverweis davon. Eine Woche später verursachte er gegen Liverpool auf ähnliche Art einen Elfmeter, bei dem er sich selbst verletzte.

Diese Aktionen stehen quasi im Kontrast zur Besonnenheit, die Stefan Ortega seitdem in den vergangenen viereinhalb Pflichtspielen bewiesen hat. Und kaum eine Szene veranschaulicht dies besser als Ortegas Cruyff-Drehung.

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