Manchester United schlägt Arsenal

Geheimtipp für die Rückrunde

26. Jan. 2026, 19:05 Uhr

Die beiden Zugänge Bryan Mbeumo und Matheus Cunha stehen stellvertretend für den Aufschwung bei Manchester United. (Foto: Javier Garcia/Shutterstock/Imago Images)
Die beiden Zugänge Bryan Mbeumo und Matheus Cunha stehen stellvertretend für den Aufschwung bei Manchester United. (Foto: Javier Garcia/Shutterstock/Imago Images)

Zunächst Manchester City, jetzt Arsenal: Manchester United schlägt zwei Spitzenteams in Serie und unterstreicht damit die neue eigene Qualität. Die Entscheidungen des Mitgesellschafters Jim Ratcliffe scheinen sich auszuzahlen.

Von Sven Haist, London

Vielleicht dachte sich Jim Ratcliffe, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Als der Mitgesellschafter von Manchester United, der seit seinem Einstieg vor zwei Jahren die Verantwortung für alle sportlichen Entscheidungen trägt, auf dem Weg zum Stadionausgang die Interviewzone passierte, strahlte er über das ganze Gesicht. Auf die Frage eines Reporters, ob er anlässlich des Auswärtssiegs seiner Mannschaft beim FC Arsenal ausnahmsweise für ein kurzes Gespräch zur Verfügung stehe, reagierte der Ineos-Milliardär mit einer charmanten Absage: „No, no, no – nur das Lächeln.“

In Ratcliffes Fall hatte dieses Lächeln Aussagekraft: So freudig war er nach einem Spiel noch nie zu sehen gewesen. Sein Engagement bei seinem Kindheitsverein war bislang von rigorosen Sparmaßnahmen, wütenden Fanprotesten und ausbleibenden Erfolgen auf dem Platz geprägt. Doch nun deutet sich an, dass sich die unter Ratcliffe getroffenen, teils unpopulären und häufig kritisierten Entscheidungen auszahlen könnten. Eine Woche nach dem Heimsieg gegen Manchester City gelang United der nächste respektable Achtungserfolg: ein 3:2 (1:1) beim Meisterschaftsfavoriten Arsenal.

Damit führt der englische Rekordmeister United (20 Titel, so viele wie der FC Liverpool), der seit Jahren als fragil und unbeständig gilt, tatsächlich die Tabelle der Premier League an – wenn auch nur die Rückrundentabelle nach vier Partien. „Wir gewinnen die Liga“, scherzten die leidgeprüften United-Fans im Stadion. Auch in der Gesamtwertung nach 23 Spieltagen hat der Klub seine bisher beste Saisonplatzierung erreicht: Rang vier, zwölf Zähler hinter Arsenal und acht hinter den punktgleichen Verfolgern Manchester City und Aston Villa.

Die beiden Siege gegen die derzeit stärksten Teams der Premier League waren keine Laune des ausgeglichenen Wettbewerbs, in dem Arsenal mit 50 Punkten als Spitzenreiter den zweitniedrigsten Punkteschnitt seit dem eigenen Meistertitel 2004 aufweist; nur Sensationsmeister Leicester City hatte 2016 zur gleichen Zeit mit 47 Zählern eine schlechtere Zwischenbilanz. Die Siege Uniteds waren vielmehr verdient und demonstrierten ein breites Spektrum an Fähigkeiten: Disziplin, Teamgeist, Mentalität und individuelle Klasse. Besonders war das Siegtor per Schlenzer des eingewechselten Matheus Cunha in der 87. Minute, nachdem United nur drei Minuten zuvor den Ausgleich durch Mikel Merino hatte hinnehmen müssen. Zuvor war Arsenal durch ein Eigentor von Uniteds Innenverteidiger Lisandro Martínez (29.) in Führung gegangen, ehe Bryan Mbeumo (37.) und Patrick Dorgu (50.) das Spiel drehten.

„Wenn Arsenal zum 2:2 ausgleicht, ist es normalerweise die Heimmannschaft, die das Match anschließend gewinnt“, analysierte Arsenals Trainerlegende Arsène Wenger erstaunt, fügte aber hinzu, dass United „sehr überzeugend“ aufgetreten sei. Wenger attestierte dem Rivalen jene Geduld und Harmonie in den Spielzügen, die er bei seinem Klub vermisste. Seine Begeisterung über Uniteds Darbietung ließ fast den Eindruck entstehen, als würde er die alten Meisterschaftsfehden vermissen. Arsenal hingegen war der Titeldruck anzumerken: Zuletzt hatte das Team von Mikel Arteta mehrere Patzer der Konkurrenz ungenutzt gelassen. Sein Team habe sich „ungewöhnliche Fehler“ geleistet, gab Arteta zu – wie beim ersten Gegentor, als Martín Zubimendi den Ball in den Fuß von Mbeumo passte. Die Spieler müssten nun „mentale Stärke“ zeigen.

Für Arsenal war es sowohl die erste Heimniederlage als auch die erste Pleite nach eigener Führung in dieser Saison. Speziell der Angriff tut sich in letzter Zeit schwer: Die Gunners haben in diesem Jahr in der Liga noch kein einziges Tor durch einen Offensivspieler erzielt – während United gerade in diesem Bereich überzeugt. United hat inzwischen die drittmeisten Tore der Premier League geschossen, 41 in 23 Spielen, nur eins weniger als Arsenal. Angesichts des Trainerwechsels von Rúben Amorim zum Ex-United-Spieler Michael Carrick, der das Team bis zum Saisonende betreuen wird, tritt beinahe in den Hintergrund, dass die von Ratcliffe personell neu strukturierte Klubführung einen beachtlichen Kader zusammengestellt hat. Die Tore gegen City und Arsenal erzielten jeweils zweimal Mbeumo und Dorgu sowie Cunha – allesamt Zugänge aus dem vergangenen Jahr.

Zwar kosteten diese Spieler stattliche Ablösesummen, doch unter Ratcliffes Führung sind nicht mehr nur die jeweils 75 Millionen Euro für Mbeumo und Cunha die Regel, sondern auch die 30 Millionen für Dorgu, den man vom Nischenklub Lecce abgeworben hat. Der 20-Jährige hat sich als flexibler Spieler auf der linken Seite etabliert. Solche Details rücken nun ins Licht, da das am Ende vergiftet wirkende Klima unter Amorim, der sich mit dem Management und den Medien zerstritten hatte, einem zurückhaltenden Ton unter Carrick gewichen ist. Dieser tritt bescheiden auf, hat an seiner Seite den renommierten Assistenten Steve Holland (jahrelang Co-Trainer unter José Mourinho beim FC Chelsea und bei der englischen Nationalelf unter Gareth Southgate) und weiß aufgrund seiner langen Spielerkarriere im Klub, worauf es ankommt: zum Beispiel, Talente wie Kobbie Mainoo aus der Akademie zu integrieren. Es gelte, demütig zu bleiben, betonte Carrick am Sonntag. Emotional wurde er nur, als er auf seine Kinder im Fanblock zu sprechen kam.

Weil das international nicht qualifizierte Manchester United bereits aus allen nationalen Pokalwettbewerben ausgeschieden ist, gilt der Klub als Geheimtipp für die Liga-Rückrunde. Im Fernduell mit Chelsea, Liverpool und Newcastle geht es um einen Startplatz in der Champions League. Die gute Ausgangslage war auch Jim Ratcliffe anzusehen. Ob er „glücklich“ sei, fragte ihn jemand, als er das Interview ablehnte. „Ja, sehr“, antwortete er – und malte mit dem Zeigefinger einen lachenden Mund in die Luft.

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