198. Manchester-Derby

Der Trainer-Joker sticht

19. Jan. 2026, 00:34 Uhr

Michael Carrick, Trainer von Manchester United bis Saisonende, mit Torschütze Matheus Cunha. (Foto: Mark Cosgrove / News Images / Imago Images)
Michael Carrick, Trainer von Manchester United bis Saisonende, mit Torschütze Matheus Cunha. (Foto: Mark Cosgrove / News Images / Imago Images)

Michael Carrick springt als Trainer bei Manchester United bis Saisonende ein und führt den Klub direkt zum Derby-Sieg gegen Manchester City. Das Spiel erinnert frühere Weggefährten an alte Ferguson-Zeiten.

Von Sven Haist, Manchester

Was Ole Gunnar Solskjaer einst auf dem Platz für Manchester United war, ist Michael Carrick an der Seitenlinie: eine Art Edeljoker. Solskjaer drehte als Einwechselspieler verloren geglaubte Spiele mit späten Toren; Carrick übernimmt bei United immer wieder kurzfristig als Interimstrainer. Im November und Dezember 2021 sprang der frühere Mittelfeldspieler, der in seiner aktiven Zeit mit dem Verein fünf englische Meisterschaften gewann, nach Solskjaers Entlassung für drei Partien ein, ehe Ralf Rangnick bis Saisonende verpflichtet wurde. Dabei gelangen Carrick beachtliche Resultate: Siege gegen Unai Emerys Villarreal in der Champions League und Mikel Artetas Ar­se­nal in der Premier League sowie ein Remis gegen Thomas Tuchels Chelsea. Nach der Trennung vom Portugiesen Rúben Amorim zu Jahresbeginn setzt der Rekordmeister nun erneut auf Carrick – diesmal bis zum Saisonende. Und abermals gelang dem 44-Jährigen, der zuletzt drei Jahre in Middlesbrough gearbeitet hatte, ein hervorragender Start.

Im 198. Manchester-Derby besiegte United im Old Trafford den ungeliebten Stadtrivalen City mit 2:0. Der erste Sieg des Jahres brachte nicht nur eine vernünftige Ausgangslage für die Rückkehr in die Champions League, sondern auch große Erleichterung. Nach den Toren von Bryan Mbeumo (65.) und Patrick Dorgu (76.) führte Carrick am Seitenrand kleine Freudentänze auf. Spieler und Zuschauer feierten ausgelassen – und Trainerlegende Alex Ferguson grinste so versc­hmitzt, als hätte er dem „lärmenden Nachbarn“, wie er City einst genannt hatte, eine Schippe Schnee vor die Haustür geschaufelt. „Das war das beste Manchester-United-Spiel seit Jahren. Sie spielten wie zu Zeiten von Sir Alex“, sagte TV-Analyst Michael Ow­en, früherer Liverpool-Profi und damit unverdächtig für übertriebenes United-Lob.

City gab nur einen einzigen Schuss aufs gegnerische Tor ab, während United neben den zwei Toren noch Latte und Pfosten traf und drei weitere Tore wegen minimaler Abseitspositionen aberkannt bekam. In der Torwahrscheinlichkeit der beiden Mannschaften lag United bei 3,81 zu 0,47 – derart eindeutig war City in dieser Hinsicht in der fast zehnjährigen Amtszeit von Pep Guardiola noch nie unterlegen. Beispielhaft für die aktuelle Formkurve – City holte nur drei Punkte in den vier jüngsten Spielen – waren die lediglich 14 Ballkontakte von Erling Haaland. Der City-Torjäger sprintete bei seiner Auswechslung kurz vor Schluss unter dem Spott der United-Anhänger vom Platz. In den jüngsten sieben Spielen traf er nur ein Mal, per Elfmeter gegen Brighton.

Guardiola kritisierte seine Offensive später als „ausrechenbar“, und der Klub hat darauf bereits reagiert: Nach Transferausga­ben von 420 Millionen Euro im Kalenderjahr 2025 akquirierte man in diesem Januar den Flügelspieler Antoine Semenyo für 72 Mil­lio­nen aus Bournemouth. Zudem einigte man sich mit Crystal Palace auf die sofortige Übernahme des Verteidigers Marc Guéhi für 23 Millionen, den auch der FC Bayern ins Blickfeld genommen hatte. City fehlen derzeit mehrere Stammspieler in der Abwehr. Immerhin vergrößerte sich der Rückstand auf Tabellenführer Arsenal nur auf sieben Punkte, weil die Gunners parallel nicht über ein 0:0 in Nottingham hinauskamen.

Der Prestigesieg bestätigte derweil das Potenzial von United. Als Reaktion auf das Aus von Coach Amorim, der mehr Entscheidungsgewalt gefordert hatte, bemühte sich Carrick sichtbar, Spannungen abzubauen. Seine Aufstellung wirkte, als hätte er alle Empfehlungen aus dem Verein berücksichtigt. Er stellte defensiv von Dreier- auf Viererkette um und ließ Mittelfeldtalent Kobbie Mainoo von Beginn an ran. Beides zahlte sich aus: Mainoo lieferte ein starkes Spiel, und die Abwehr machte keine Fehler – auch weil der zuletzt angeschlagene Harry Maguire und der von einer Kreuzbandblessur genesene Lisandro Martínez erstmals seit Langem wieder gemeinsam aufliefen. So verfügte Uniteds Hintermannschaft wieder über die nötige Stabilität. Darüber hinaus profitierte Carrick von der Rückkehr der offensiven Schlüsselspieler Mbeumo und Amad Diallo vom Afrika-Cup. Auf der Tribüne zeigten sich die nebeneinander sitzenden Anteilseigner Jim Ratcliffe (Ineos), Geschäftsführer Omar Berrada und Sportdirektor Jason Wilcox zufrieden – ein klares Zeichen für Geschlossenheit auf Führungsebene.

Vor allem Wilcox war nach dem bereits zweiten Trainerwechsel seit Ratcliffes Einstieg vor zwei Jahren in die Kritik geraten. Auf einer internen Veranstaltung im Herbst, die mitgefilmt und ins Internet gestellt wurde, hatte Wilcox eingeräumt, dass er dazu neige, sich in die Arbeit eines Trainers einzumischen – was problematisch sein könne. Mit dem zurückhaltend auftretenden Carrick dürfte es nun kaum Reibungspunkte geben. Er spielte von 2006 bis 2018 für United und sammelte danach Erfahrungen im Trainerteam von José Mourinho und Solskjaer.

Carricks Analyse des City-Spiels fiel betont nüchtern aus. Man werde sich von diesem Erfolg nicht blenden lassen, sagte er. Im Rest der Saison kann er sich als Alternative zu den hochgehandelten Trainerkandidaten ab Sommer empfehlen, zu denen auch der Österreicher Oliver Glasner gehört, der seinen Vertrag im Juni bei Crystal Palace auslaufen lässt. Die dauerhafte Chefrolle schloss Carrick für sich zwar nicht grundsätzlich aus, dieses Szenario gilt jedoch als unwahrscheinlich. Eher sieht es danach aus, dass er anschließend wieder in seine Rolle als „Trainer-Joker“ für Manchester United zurückkehrt.

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