Machtstrukturen in englischen Klubs

Die allmächtigen «Manager» sterben aus

13. Jan. 2026, 18:09 Uhr

Die Zeit der allmächtigen Manager im englischen Fußball, die Alex Ferguson und Arsene Wenger mitgeprägt haben, neigt sich dem Ende zu. (Foto: Graham Chadwick / ANL / Shutterstock / Imago Images)
Die Zeit der allmächtigen Manager im englischen Fußball, die Alex Ferguson und Arsene Wenger mitgeprägt haben, neigt sich dem Ende zu. (Foto: Graham Chadwick / ANL / Shutterstock / Imago Images)

Jahrzehntelang führten fast allmächtige Trainer wie Alex Ferguson oder Arsène Wenger die englischen Klubs. Mit der Kommerzialisierung des Fußballs haben die Engländer jedoch immer stärker kontinentaleuropäische Strukturen übernommen – was zu Spannungen innerhalb der Hierarchien führt.

Von Sven Haist, London

Die grossen, fast allmächtigen Trainer im englischen Klubfussball sind vom Aussterben bedroht. Früher waren sie leicht zu erkennen: An Spieltagen standen sie im Anzug und mit Krawatte am Spielfeldrand und wurden ehrfürchtig «Manager» genannt. Die treffende Bezeichnung hierzulande wäre wohl «Trainager», also eine Mischung aus Trainer und Manager.

Der Begriff «Manager» ist eine englische Eigenart, deren Ursprünge weit zurückliegen. Er sollte die Fülle an Tätigkeiten verdeutlichen, die ein Trainer auf der Insel allein zu bewältigen hatte. Heute jedoch trägt kaum noch jemand formelle Kleidung – und selbst die Bezeichnung «Manager» ist fast verschwunden.

In der Premier League werden derzeit nur noch sechs der zwanzig Trainer offiziell als Manager geführt; alle übrigen wurden in den Pressemitteilungen der Vereine ausdrücklich als Headcoach vorgestellt. Zu den Ausnahmen zählen Josep Guardiola (Manchester City), Mikel Arteta (Arsenal), Unai Emery (Aston Villa), Daniel Farke (Leeds), Oliver Glasner (Crystal Palace) und David Moyes (Everton).

Vor siebeneinhalb Jahren verhielt sich die Quote umgekehrt. Der Grund für den Wandel: Die Engländer übernehmen zunehmend die kontinentaleuropäischen Strukturen, bei denen sich Trainer auf die unmittelbaren sportlichen Belange ihrer Mannschaften konzentrieren. Für Kaderplanung, Spielertransfers, Vertragsgespräche und weitere Aufgaben ist das Management zuständig.

Eine solche Aufgabentrennung wäre vor Jahrzehnten undenkbar gewesen. Der klassische englische Manager war die zentrale Figur eines Klubs, hierarchisch einzig dem Besitzer untergeordnet. Er verfügte über nahezu uneingeschränkte Kontrolle über sportliche, finanzielle und personelle Entscheidungen. Die historischen Unterschiede zwischen den Systemen erklärte der Funktionär Jörg Schmadtke, der in der Bundesliga diverse Managementpositionen innehatte und zuletzt ein halbes Jahr als Sportdirektor beim Liverpool FC tätig war, einmal im Gespräch: «In England gibt der Trainer die Richtung vor. Hierzulande wird der Trainer eher mit auf die Reise genommen.»

Zu den prägendsten Vertretern zählten in den 1960er Jahren Bill Shankly (Liverpool), Matt Busby (Manchester United) und Alf Ramsey (englische Nationalelf), später in den siebziger und achtziger Jahren Bob Paisley (Liverpool) und Brian Clough (Nottingham) sowie in den neunziger und nuller Jahren Alex Ferguson (Manchester United) und Arsène Wenger (Arsenal).

Allesamt waren starke Persönlichkeiten, die ihre Vereine mit eiserner Hand führten und oft enorm erfolgreich über mehrere Jahrzehnte regierten. Ferguson amtierte in der Nachkriegszeit am längsten: Von 1986 bis 2013 befand er sich 26 Jahre und 236 Tage an der Spitze von Manchester United.

«Manche Leute denken, Fussball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich versichere, es ist noch viel ernster als das», so definierte Shankly sein Wirken. Ähnlich traf dies auch auf seine Kollegen zu, die ihr berufliches Handeln stets dem Wohl des Vereins unterstellten. Daraus entstand im Erfolgsfall ein enormes Vertrauen der Anhängerschaft in den Manager, das manchmal sogar in Bewunderung überging. Das geflügelte Sprüchlein «Arsène knows» – Arsène wird schon wissen, was er macht – war Ausdruck des tiefen Vertrauens, das Arsenal in Wengers Beschlüsse hatte.

Damit ging eine besondere Autorität einher. Im Gegensatz zu heute hatten die Spieler innerhalb eines Vereins kaum eine andere Anlaufstelle als den Manager. Ihr Verhältnis zu ihm entschied über die eigenen Perspektiven. Entsprechend waren Manager zu jener Zeit ebenso berühmt wie berüchtigt und von den Spielern wohl auch ein wenig gefürchtet. Fergusons verbale Schimpftiraden vor der Mannschaft gingen in die Annalen ein und erhielten einen eigenen Ausdruck: «Hairdryer!», Haartrockner – weil sie der Legende nach so schallend waren, dass die Haare der Spieler durch den Luftzug seiner Ansprachen gleichsam getrocknet wurden.

Unvergessen ist Fergusons Ausbruch nach einer bitteren Niederlage: In der Kabine trat er aus Wut gegen einen Fussballschuh, der daraufhin gegen den Kopf von David Beckham flog. Der Spieler erlitt einen Cut am Auge, der mit mehreren Stichen genäht werden musste. Die Beziehung zwischen Trainer und Spieler zerbrach, aber nicht Ferguson musste gehen, sondern Beckham wechselte den Klub. Die Episode spiegelte die Machtstellung der Manager. Gestützt auf anhaltende Erfolge, konnten sie sich praktisch nur selbst entlassen – auch weil die Klubs angesichts der Kontinuität ihrer Führungskräfte womöglich gar nicht mehr wussten, wie man einen neuen Trainer sucht.

In gewisser Weise schaffte die Entwicklung des modernen Fussballs zum Milliardengeschäft die klassischen Manager ab. Durch die Professionalisierung der Klubstrukturen, den wachsenden Einfluss von Datenanalyse, Scoutingnetzwerken und Beratern sowie die Explosion der Zahl von Pflichtspielen sind die Aufgaben von einer einzelnen Person nicht mehr zu bewältigen.

Das bekam auch Wenger in seinen letzten Jahren bei Arsenal zu spüren, als sportliche Erfolge zunehmend ausblieben. Am Ende seiner Amtszeit 2018 verglichen ihn Fans spöttisch mit Robert Mugabe, dem Präsidenten von Simbabwe, der erst auf massiven Druck im Alter von 93 Jahren zurücktrat. Führende Trainer wie Guardiola betonen immer wieder die enorme Belastung ihres Berufs; sie können sich keinesfalls vorstellen, so viele Jahre in nur einem Verein zu verbringen wie ihre legendären Vorgänger.

Den schwindenden Einfluss nehmen die Trainer in England unterschiedlich auf. Liverpools Arne Slot sieht darin keine Herabsetzung. Für ihn sei der Titel Headcoach «normal», da er dies ohnehin aus seiner Heimat Niederlande gewohnt sei. Doch die jüngsten Trainerentlassungen in der Premier League in diesem Kalenderjahr – Chelsea mit Enzo Maresca und Manchester United mit Rúben Amorim – zeigen, dass die neuen Machtkonstellationen zu internen Machtspielen führen können.

Beide Trainer wollten mehr Einfluss, verloren daraufhin jedoch ihren Posten. Manchester Uniteds Sportdirektor Jason Wilcox gab offen zu, er neige dazu, sich in die Arbeit des Coachs einzumischen. Das könne problematisch sein, sagte er. Um solche Konflikte zu vermeiden, besetzen manche Klubs Managementposten gezielt mit Vertrauten des Trainers.

Immerhin rücken vereinzelt neue Manager nach. Arsenals Arteta und Aston Villas Emery begannen beide als Headcoachs und stiegen nach einiger Zeit intern zu Managern auf. Sonst dominiert vor allem die Erinnerung an die alte Garde. Ihr sind vor den Stadien Statuen gewidmet – selbstverständlich versehen mit der Aufschrift: «Manager».

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