BTL-Interview mit Fabian Schär

„Den Cup-Sieg werde ich nie vergessen“

13. Sep. 2025, 15:45 Uhr

Fabian Schär gewinnt mit Newcastle United seinen ersten Titel im Ausland. (Foto: Dylan Hepworth / Every Second Media / Imago Images)
Fabian Schär gewinnt mit Newcastle United seinen ersten Titel im Ausland. (Foto: Dylan Hepworth / Every Second Media / Imago Images)

Fabian Schär, 33, hat mit Newcastle United seinen ersten Titel im Ausland gewonnen und den Klub zurück in die Champions League geführt. Zum Auftakt geht es gegen den FC Barcelona. Im Interview sagt er, was den Klub so besonders macht, was er an Trainer Eddie Howe schätzt und warum sein Rücktritt aus der Schweizer Nationalmannschaft der richtige Schritt war.

Von Sven Haist, London

Fabian Schär, 33, ist einer der besten Schweizer Fussballer. Bis zum Rücktritt im August 2024 spielte der Verteidiger elf Jahre lang für das Nationalteam. Er nahm an drei Welt- und drei Europameisterschaften teil und absolvierte 86 Länderspiele. Der Wiler, der einst im FC Basel den Durchbruch geschafft hatte und anschliessend für die TSG Hoffenheim sowie Deportivo La Coruña spielte, ist seit sieben Jahren Stammspieler bei Newcastle United und gehört zu den torgefährlichsten Verteidigern der Premier League (18 Tore). Mit den «Magpies» gewann Schär in dieser Saison den League Cup – es war sein erster Titel im Ausland.

Herr Schär, nach der Fussball-EM 2024 haben Sie Ihren Rücktritt aus dem Schweizer Nationalteam erklärt. Fehlen Ihnen die Länderspiele, oder freuen Sie sich über die Spielpausen?
Ein bisschen von beidem: Zunächst war die Wehmut ausgeprägt, aber jetzt geniesse ich die freie Zeit. Es ist etwas ungewöhnlich, diesen Sommer zu planen, weil ich zum ersten Mal in meiner Karriere sechs Wochen am Stück freihabe. Die offizielle Verabschiedung aus dem Nationalteam in St. Gallen war sehr emotional, und ich hatte gemischte Gefühle. Es war bewegend, die Wertschätzung der Schweizer Fans zu erleben und die alten Weggefährten wiederzusehen. Am meisten vermisse ich die Kabine, also die Zeit mit den Teamkollegen.

Wie wirkten sich die Spielpausen auf die Saison bei Newcastle United aus?
Gegen Ende der Saison habe ich es am stärksten gespürt, weil ich trotz den vielen Spielen noch eine gute mentale Frische hatte. Im Vergleich zu den Jahren zuvor hat mir diese in bestimmten Momenten manchmal gefehlt. Irgendwann ist man müde, und der Körper kann nicht ewig mitziehen. Es ist schon hilfreich, wenn man sich gelegentlich kurz erholen kann. In dieser Saison habe ich keinen Match verletzungsbedingt verpasst. Das sind alles kleine Faktoren. Der Rücktritt war die richtige Entscheidung.

Sie haben Ihren Rücktritt damit begründet, dass Sie aufhören wollten, «wenn es am schönsten» ist. Was war so besonders an der Europameisterschaft 2024 in Deutschland?
Das Turnier hat uns als Schweiz zusammengeschweisst. Wir haben eine enorme Euphorie im Land entfacht, die mit jedem Spiel weiter gewachsen ist. Es schien, als würden immer mehr Schweizer Fans ins Stadion strömen. Dazu haben wir einen wirklich attraktiven Fussball gespielt. Wir haben uns sukzessive verbessert und konnten starke Fussballnationen wie Italien dominieren. Obwohl es möglich gewesen wäre, dass wir den Halbfinal erreichen, und wir es im Viertelfinal gegen England auch verdient hätten, war das Turnier für uns insgesamt sehr erfolgreich.

War die EM 2024 der Höhepunkt Ihrer Spielergeneration?
Ja, eindeutig. Wir haben im Turnier alle individuell hervorragende Leistungen gezeigt, weil wir uns schon lange kennen. Das war vor der EM wegen unserer nicht so starken Vorleistungen zwar noch nicht abzusehen gewesen, doch während der Vorbereitung haben wir uns neu gefunden. Mir ist sofort aufgefallen, dass jeder bei uns den Teamgedanken an die erste Stelle gesetzt hat, um gut abzuschneiden.

Welche Rolle hatte der Trainer Murat Yakin?
Er ist ein Trainer, der eher ruhig ist und den Spielern auf dem Platz viel Freiraum gewährt. Wir hatten die Möglichkeit, mit ihm auch über taktische Aspekte im Training zu diskutieren. Das hat an der vergangenen EM wunderbar zu unserer Mannschaft gepasst, da wir einige charakterstarke und international erfahrene Spieler im Kader hatten. Unser Erfolg war eine Gemeinschaftsarbeit. Als Trainer hat er zwar gewisse Vorgaben gemacht, wie etwa die Besetzung der linken Seite mit Michel Aebischer. Diese waren jedoch für uns in gewissem Masse frei interpretierbar und ermöglichten es uns, individuell oder als Gruppe in den Spielen neue Entscheidungen zu treffen. Unsere Stärke lag in der Flexibilität, die uns für die Gegner kaum kalkulierbar machte.

Wie war Ihr Verhältnis zu Yakin, das in der Nationalmannschaft nicht immer unbelastet gewesen war? Sie hatten auch schon ein gewisses Unverständnis über Ihre Einsatzzeiten geäussert.
Vor der EM hatten wir im März ein kurzes Gespräch, und danach hat es irgendwie wieder gepasst zwischen uns. Er hat mir erneut das Vertrauen geschenkt, spielen zu dürfen. Und wenn ich das merke, kann ich meine optimale Leistung zeigen.

Auch Ihre langjährigen Mitspieler Yann Sommer und Xherdan Shaqiri haben nach diesem versöhnlichen Turnier ihren Rückzug aus dem Nationalteam erklärt. Haben Sie sich abgesprochen?
Nein, selbstverständlich nicht! Jeder Spieler muss für sich selbst eine Entscheidung treffen. Nachdem wir im Penaltyschiessen gegen England ausgeschieden waren, kam mir der Gedanke, dass dies mein letztes Spiel für die Schweiz gewesen sein könnte – aber zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung noch nicht ausgereift. Danach habe ich viele Wochen damit gerungen, in einem solch phantastischen Moment zu sagen: «Es ist genug.»

Wie viel Potenzial hat die Mannschaft nach den Abgängen noch?
Meiner Meinung nach ist im Team noch immer eine hohe Qualität vorhanden. Manuel Akanji zählt zu den besten Verteidigern weltweit und kann eine Abwehr exzellent leiten. Und Granit Xhaka ist auch ein Spieler, der viel Verantwortung übernimmt und sich in jeder Lage um den Ball bemüht. Von einem wie ihm profitiert jeder. Granit war und bleibt ein wesentlicher Bestandteil der Mannschaft, was er nicht zuletzt an der EM bewiesen hat. Ich bin deshalb überzeugt, dass auch in Zukunft wieder etwas Aussergewöhnliches entstehen kann. Die Schweiz hat in den entscheidenden Momenten immer geliefert.

Wer könnte Ihre Nachfolge in der Schweiz antreten? In Newcastle singen die Fans ja, dass jede Mannschaft einen Fabian Schär brauche: «Everyone needs a Fabian Schär.»
Ach, im Fussball kommen und gehen Spieler. Ich wünsche mir, dass ein talentierter junger Profi den Aufstieg schafft und meine Position einnimmt.

Auf Instagram haben Sie ein Highlight-Video aus dieser Saison von sich gepostet, das scheinbar kein Ende nimmt: Champions-League-Qualifikation, Vertragsverlängerung bis 2026 und League-Cup-Sieg gegen den Liverpool FC (2:1) – Ihr erster Titel im Ausland und der erste Triumph für Newcastle United seit siebzig Jahren.
Das stimmt, es haben sich einige besondere Dinge zugetragen. Der Cup-Sieg war unfassbar, den werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Allen war bewusst, dass das Ende der Titel-Durststrecke in Newcastle überschwänglich gefeiert werden würde. Doch als es tatsächlich geschah und ich es selbst sah, war das nochmals eine ganz andere Erfahrung. Ich habe den Moment auf mich wirken lassen und verinnerlicht, dass das nicht alltäglich ist.

Rund 300 000 Fans, also gleich viele, wie Newcastle Einwohner hat, zeigten sich an der Siegesparade am Strassenrand. Worauf richtet man da als Erstes den Blick?
Im Grunde genommen spielt es keine Rolle, da man so oder so nur Menschen sieht, so weit das Auge reicht. Aus jedem Fenster streckten mehrere die Köpfe heraus. Diese Freude zu erleben, hat für mich eine grosse Bedeutung. Ich bin seit 2018 in Newcastle und spüre eine enorme Verbundenheit mit der Stadt und dem Verein. Ich wollte allen etwas zurückgeben. Deshalb war die Erleichterung nach dem Schlusspfiff im Spiel gegen Liverpool so riesig.

Sie knieten auf dem Boden und ballten die Fäuste, bevor sich Ihr Abwehrkollege Dan Burn auf sie warf . . .
Das realisiert man alles gar nicht so richtig. Die Mehrheit hätte an diesem Tag auf Liverpool als Sieger getippt, doch wir waren auf den Punkt da – anders als im League-Cup-Final vor zwei Jahren (0:2 gegen Manchester United, Anm. d. Red.), als alles so überwältigend gewesen war, dass niemand wusste, wie man mit dem Anlass umgehen sollte. Im Voraus wurde wochenlang nur über den Final berichtet. Diesmal war uns bewusst, was auf uns zukommen würde, und wir waren als Verein entsprechend vorbereitet.

In der Premier League gelang der Turnaround nach einem mässigen Saisonstart in einer turbulenten Dezemberwoche: Auf ein 2:4 in Brentford folgte ein 4:0 gegen Leicester – und zwischen diesen beiden Partien bekam Saudiarabien, das über seinen Staatsfonds 85 Prozent der Anteile an Newcastle United hält, den Zuschlag für die Fussball-WM 2034. Welche Auswirkungen hatten diese Ereignisse?
Das Brentford-Spiel war sehr, sehr enttäuschend für uns, weil wir keine gute Leistung gezeigt haben. Nach solch einer Niederlage sagt man sich intern immer: «So kann es nicht weitergehen!» Daraufhin wollten wir unbedingt eine Reaktion zeigen. Dabei kamen uns auch die folgenden Gegner entgegen, weil sie ebenfalls weiter hinten in der Tabelle klassiert waren. Und die WM-Vergabe: Die hatte nun wirklich nichts mit unserer Situation zu tun.

Was zeichnete die Mannschaft danach aus?
Der Teamgeist! Wir sind alles gute Typen, auch im Trainerteam. Das ist einzigartig, und ich bezweifle, dass das häufig vorkommt. Es macht bei uns immer Spass, ins Training zu gehen, alle ziehen an einem Strang, und keiner hat Eitelkeiten, wenn er einmal nicht spielt. Unser Stürmer Alexander Isak etwa denkt nicht, er könne weniger laufen als andere, nur weil er so viele Tore schiesst. Das sind kleine Details, die den Erfolg ausmachen.

Der Newcastle-Coach Eddie Howe bezeichnete Sie als das «Herzstück des Klubs in dieser Saison». Wie schafft er es, das Beste aus Ihnen herauszuholen?
Für mich ist es extrem wichtig, dass ich die Zuneigung des Trainers spüre und dessen Vertrauen geniesse – bei Eddie Howe habe ich das vom ersten Tag an zu tausend Prozent gespürt. In den vergangenen Jahren hat mich das besser gemacht. Er kennt mich sowohl als Spieler als auch als Mensch sehr gut und weiss, was ich einer Mannschaft bieten kann – und ermöglicht das. Der Trainer versteht es, die individuellen Stärken aller Spieler in unser Spiel einfliessen zu lassen. Bei mir ist das etwa die Spieleröffnung, die er fördert, indem er mir Freiraum gewährt.

Akzeptiert er auch, dass Sie sich gelegentlich vorn einbringen und aus weiter Entfernung aufs Tor schiessen?
Bisher schon, da immer wieder ein Schuss reingeht. Würde ich nie ein Tor erzielen, würde er schon einmal sagen, ich solle damit aufhören. Ich bin immer ein torgefährlicher Spieler gewesen, das hat sich nie gerändert. Der offensive Gedanke gehört zu meinem Spiel dazu. Ich suche im Zweifel eher den Abschluss als einen Querpass.

Können Sie sich vorstellen, Ihre Karriere in Newcastle ausklingen zu lassen?
Ja, das wäre schön. Alles stimmt hier, auf und neben dem Platz. Bei meiner Vertragsverlängerung konnte ich mir kaum vorstellen, in einem anderen Verein eine neue Herausforderung anzunehmen. Ich bin ein Spieler, der schätzt, was er hat. Ich könnte mir nach meiner Laufbahn vorstellen, im Fussball zu bleiben, eher als Sportdirektor denn als Trainer, obwohl ich in Newcastle mein B-Diplom mache. Im Verwaltungsrat meines Heimatvereins Wil kann ich bereits hinter die Kulissen blicken und andere Aspekte des Geschäfts kennenlernen. Ich möchte aber gerne noch zwei, drei weitere Jahre Fussball spielen und denke deshalb noch nicht an das Karriereende. Auch in der Nationalmannschaft hätte ich nicht aufhören müssen, aber es war der richtige Zeitpunkt. Den gilt es für mich nun auch im Klubfussball zu finden.

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