Crystal Palace besiegt Liverpool
Seit 18 Pflichtspielen ungeschlagen!
28. Sep. 2025, 16:02 Uhr

Crystal Palace schlägt Tabellenführer FC Liverpool und stellt einen Vereinsrekord ein – auch weil Oliver Glasner den Verkauf von Kapitän Marc Guéhi nach Liverpool verhindert hat. Der Trainer hat ein Team geformt, das der Inbegriff einer Premier-League-Elf ist.
Die Medienabteilung von Crystal Palace war am Samstag nicht zu beneiden. Nach dem Last-Punch-Sieg in der siebten Minute der Nachspielzeit gegen den FC Liverpool in der Premier League, der angesichts der Umstände zu den größten Erfolgen der Vereinsgeschichte zählt, herrschte auf den Kommunikationskanälen ähnlich viel Betrieb wie zuvor auf dem Rasen im Selhurst Park. Die Social-Media-Beauftragten, bekannt für ihre pointierten Einfälle, feierten die Helden des Spiels: den Siegtorschützen Eddie Nketiah, den Trainer Oliver Glasner und die eindrucksvolle Geräuschkulisse im Stadion. Dennoch vergaßen sie nicht, auch den digitalen Status des Klubs zu aktualisieren. „Had to update the bio“, hieß es süffisant-lakonisch, denn seit geraumer Zeit führt Palace im Profil seine Serie ungeschlagener Spiele. Jetzt steht dort: „18 unbeaten“ – saisonübergreifend seit April 18 Pflichtspiele ohne Niederlage!
Mit dieser Marke stellte Palace seinen mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Allzeitrekord aus dem Jahr 1969 ein. Damals gelang dem Vorstadtklub aus dem Londoner Süden unter dem englischen Coach Bertram Head erstmals der Aufstieg in die First Division, die seinerzeit höchste Spielklasse auf der Insel. In diese Phase fühlen sich viele Anhänger des Vereins gerade zurückversetzt, weil ihr Fan-Dasein seither selten so unbeschwert war. Über Jahrzehnte glich Palace einem Pendler zwischen erster und zweiter Liga – bis der Österreicher Glasner im Februar 2024 als Trainer übernahm und dem Verein inzwischen die ersten beiden Titel seiner Historie bescherte: den FA Cup zum Abschluss der Vorsaison und den Community Shield (Supercup) zum Auftakt der aktuellen.
Zuletzt musste Crystal Palace die beiden Offensivspieler Olise und Eze ziehen lassen
Durch das 2:1 gegen den zuvor makellos gestarteten FC Liverpool, den man bereits im Elfmeterschießen des Community Shield düpierte, ist einzig das oft übersehene Palace nach sechs Spieltagen in der Liga noch unbesiegt. Mit drei Siegen und drei Remis hat man sich Crystal bis auf drei Punkte an den amtierenden Meister Liverpool herangearbeitet. Die Bilanz verhält sich genau umgekehrt zur Vorsaison. Damals startete Palace transfer- und verletzungsbedingt mit drei Remis und fünf Pleiten. Unter anderem musste man Offensivspieler Michael Olise für 50 Millionen Euro zum FC Bayern ziehen lassen; Ersatz kam erst kurz vor Transferschluss. Ein solches Szenario drohte dem Klub diesmal erneut. Zunächst wechselte Spielmacher Eberechi Eze für 70 Millionen zum FC Arsenal – und dann war Palace am letzten Transfertag auch bereit, den Kapitän Marc Guéhi nach Liverpool abzugeben.
Crystal Palace ist auf Transfererlöse angewiesen
Beide Vereine hatten sich auf eine Ablöse von rund 40 Millionen Euro verständigt, der Spieler absolvierte bereits seine medizinische Untersuchung in Liverpool. Dies zeichnete sich ab aufgrund der Finanzlage von Crystal Palace, das auf Erlöse angewiesen ist, um die Finanzregeln einzuhalten. „Wir müssten wohl verkaufen …“, hatte Palace-Chairman Steve Parish verlauten lassen. Um den Preis zu drücken, zog Liverpool den Wechsel des 2026 ablösefreien Guéhi immer weiter hinaus – die Reds pokerten darauf, dass Parish irgendwann zu ihren Konditionen nachgeben würde. Allerdings hatte Liverpool die Rechnung ohne Oliver Glasner gemacht. Der Trainer intervenierte energisch, weil Palace keinen gleichwertigen Nachfolger mehr finden konnte. Auf Nachfrage von Parish, ob man sich einen Abschied von Guéhi leisten könnte, entgegnete Glasner: „Ich sehe keine Möglichkeit, das kurzfristig zu stemmen.“
Er sehe keine Möglichkeit, den Verkauf von Marc Guéhi zu kompensieren, sagte Glasner
Daraufhin ließ Parish den bereits verabredeten Transfer spektakulär platzen. Der Funktionär teilte die sportlichen Bedenken und dürfte zudem befürchtet haben, der ambitionierte Glasner könnte bei einem Verkauf Guéhis selbst den Klub verlassen. Der Vertrag des Trainers läuft am Ende dieser Spielzeit aus. Noch hinzu kam, dass der Klub von Guéhis Charakterstärke überzeugt war. Zwar zeigte sich der Engländer enttäuscht, er stellte sich aber, wie erwartet, sofort wieder in den Dienst der Mannschaft. Guéhi sei ein ebenso feiner Mensch wie Spieler, lobte Glasner. Den ganzen Transferwirbel krönte nun aus Sicht von Palace das 2:1 gegen Liverpool, in dem – fast unvermeidlich – Guéhi das Siegtor von Eddie Nketiah mit einer Kopfballverlängerung vorbereitete (90.+7).
Ausgerechnet Guéhi bereitete nun das Siegtor gegen Liverpool vor
So scheiterte das im Sommer für rund 500 Millionen Euro verstärkte Liverpool am gerade mal für 50 Millionen Euro aufgerüsteten Crystal Palace. Den finanziellen Unterschied kompensierte Glasner mit seiner Taktik. In anderthalb Jahren hat er aus Palace den Inbegriff einer Premier-League-Mannschaft geformt: aggressiv verteidigend, physisch robust, schnell konternd – und fast unerhört selbstbewusst. Auf diese Weise lieferte Palace die stärkste erste Halbzeit unter Glasner ab und hätte deutlich höher führen müssen als nur durch den Treffer von Ismaïla Sarr in der neunten Minute. Als Liverpool dann in der 87. Minute durch Federico Chiesa ausglich und das Spiel, wie zuletzt regelmäßig, spät zu ziehen schien, drehte Glasner den Spieß um: Mit mehreren offensiven Wechseln signalisierte er seinem Team, selbst auf den Sieg zu gehen – am entscheidenden Tor waren drei eingewechselte Akteure beteiligt. Seine Spieler sollten künftig mehr Rücksicht auf sein Herz nehmen und solche Partien früher entscheiden, sagte Glasner erleichtert.
Glasner ist der am heißesten gehandelte Trainer für einen Posten bei einem Spitzenklub
Der 51-Jährige ist derzeit der am heißesten gehandelte Trainer für einen Posten bei einem englischen Großklub. Glasner hat seine Mentalität sogar auf einen Mittelklasseklub wie Palace übertragen. Zum Ausbau der Ergebnisserie sagte er, es gehe nicht darum, ungeschlagen zu bleiben. Das klänge nach einer passiven Haltung, als ob man etwas zu verteidigen habe. Stattdessen wolle man weiter gewinnen, natürlich auch am Donnerstag, wenn Palace sein erstes Europapokalspiel überhaupt bestreiten wird: in der Conference League gegen Dynamo Kiew.
"Crystal Palace hat Maximum noch nicht erreicht"
120 Jahre lang hat Crystal Palace keinen Titel gewonnen, dann kam Oliver Glasner, 50. Im BTL-Interview erklärt der Österreicher seine Erfolgsprinzipien, warum er seinen Spielern wie Kindern begegnet - und warum er rastlos, fast getrieben ist.
