WM-Teilnehmer Haiti
Hungrig, aber stolz
24. Jan. 2026, 20:00 Uhr

Trotz Armut, Kriminalität und politischer Instabilität hat sich Haiti sensationell für die WM 2026 qualifziert. Für die Fans ist eine kleine Freude inmitten einer endlosen Horrorgeschichte. Doch die USA hat für die Staatsbürger Haitis eine Einreisesperre verhängt.
Der Rekordweltmeister Brasilien und der Titelverteidiger Argentinien werden bei der kommenden Fussball-WM in den USA, Kanada und Mexiko wohl auf jene Unterstützung verzichten müssen, die ihnen traditionell aus Haiti zufliesst. Viele der insgesamt dreizehn Millionen Haitianerinnen und Haitianer schlagen sich üblicherweise auf die Seite einer dieser beiden Fussballgrossmächte – nicht zuletzt, weil die eigene Auswahl nur äusserst selten an einer WM teilnimmt.
Diesmal jedoch ist den haitianischen Männern die Sensation gelungen: Nach 58 Jahren kehrt die Karibiknation, die sich die Insel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, auf die Weltfussballbühne zurück. Es ist erst die zweite WM-Qualifikation nach 1974, als die Nationalmannschaft in der Vorrunde ohne Punktgewinn gegen Italien, Argentinien und Polen ausschied. Damit knüpfen die Männer an den jüngsten Erfolg der Frauen an, die vor zweieinhalb Jahren erstmals an einer WM-Endrunde vertreten waren.
Die direkte Qualifikation sicherte sich die Mannschaft des französischen Trainers Sébastien Migné, der zuvor mehrere afrikanische Nationalteams betreut hatte, durch den Gruppensieg vor Honduras, Costa Rica und Nicaragua. Der finale Schritt erfolgte ausgerechnet am 18. November, einem historischen Datum für das Land: An diesem Tag fand 1803 die entscheidende Schlacht um die Unabhängigkeit zwischen einheimischen Rebellen und den Truppen Napoleons statt. Mit ihrem Sieg beendeten die haitianischen Revolutionäre die französische Kolonialherrschaft und ebneten den Weg zur Entstehung des ersten von Schwarzen geführten Staates der Welt.
Den Triumph auf dem grünen Rasen feierten die Menschen mit Strassenfesten, wie sie in Haiti seit Jahren nicht mehr zu sehen waren. Denn der Alltag der Nation wird seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse 2021 von politischer Instabilität, Gewalt und einer tiefen humanitären Krise bestimmt. Kriminelle Banden kontrollieren nahezu die gesamte Hauptstadt Port-au-Prince und erweitern ihr Einflussgebiet stetig; sie stehlen, erpressen, morden – und haben mehr als 1,3 Millionen Menschen zur Flucht innerhalb des Landes gezwungen. Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte beschreibt die Lage als «endlose Horrorgeschichte».
Laut Berichten ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen und hat täglich weniger als einen Dollar zum Leben. Zudem wird das Land regelmässig von Naturkatastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen heimgesucht. Haiti gilt als die ärmste Nation in der westlichen Hemisphäre.
Zwar löse der sportliche Erfolg nicht die Probleme der zerrissenen Nation, betont Haitis früherer Senator Patrice Dumont, doch «selbst mit Hunger kann man stolz sein». Die Leistung von Les Grenadiers – so wird das Nationalteam in Anlehnung an die von Widerstand und Beharrlichkeit geprägte Vergangenheit der Nation genannt – bietet der Bevölkerung willkommene Abwechslung und dient als Hoffnungsschimmer für bessere Zeiten.
Die WM-Teilnahme Haitis ist sowohl ein Sinnbild für die verbindende Kraft des Fussballs (zumindest für einen Moment) als auch für seine Grenzen in der Weltpolitik. Schliesslich haftet dem Coup auch eine Tragik an: Haitianerinnen und Haitianer werden voraussichtlich keine WM-Spiele ihrer Mannschaft live im Stadion verfolgen können – weil Haiti zu den Ländern gehört, gegen deren Bürger der US-Präsident Donald Trump im Sommer eine pauschale Einreisesperre verhängt hat.
Die Auslosung ergab, dass Haiti alle Vorrundenspiele in Trumps USA bestreiten wird, gegen Brasilien, Marokko und Schottland. Ausnahmegenehmigungen erscheinen momentan kaum denkbar. Haitianischen Fussballfans bleibt, sofern finanziell überhaupt darstellbar, nur die Option, einen der wenigen anderen Matches in Kanada oder Mexiko zu besuchen.
Selbst die in den USA lebenden mehr als 350 000 haitianischen Staatsangehörigen und staatenlosen Personen haitianischer Herkunft sind davon betroffen: Trumps Regierung hat angekündigt, ihnen die gegenwärtig gültige vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen. Sie müssen nach derzeitigem Stand das Land bis Anfang Februar verlassen, sonst droht die Deportation.
Ein Verbleib der Haitianerinnen und Haitianer stehe «im Widerspruch zu den nationalen Interessen», erklärte das US-Ministerium für Inlandsicherheit – obwohl die Behörde die Situation in Haiti im gleichen Statement als «besorgniserregend» einstuft. Die Zukunft dieser Menschen ist höchst ungewiss.
Les Grenadiers müssen daher offenbar ohne den Support ihrer Landsleute auskommen. Viele Haitianerinnen und Haitianer sind es ohnehin gewohnt, die Spiele ihrer Nationalelf nur vor dem Fernseher zu verfolgen. Seit mehr als vier Jahren fand kein Länderspiel mehr auf haitianischem Boden statt. Zu gefährlich ist die Lage, seit im März 2021 der Mannschaftsbus von Belize auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel von einer bewaffneten Gruppe gestoppt und zum Glück doch durchgelassen wurde. Drei Jahre später meldete der haitianische Fussballverband, jegliche Kontrolle über das Nationalstadion verloren zu haben – auch dieses war in die Hände von Gangstern gefallen. Haiti trug seine Heimspiele der WM-Qualifikation zuletzt in Curaçao aus.
Wegen all dem ist der 53 Jahre alte Migné, seit Juni 2024 Nationaltrainer, während seiner Amtszeit noch nicht einmal in Haiti gewesen. Seine Mannschaft setzt sich aus tatsächlichen Haitianern und Spielern aus der haitianischen Diaspora zusammen, unter ihnen der in Fribourg geborene Abwehrspieler Keeto Thermoncy, der zur U-21-Mannschaft der Young Boys gehört und kürzlich sein Länderspieldebüt gab. Der mit Abstand renommierteste Akteur ist der Mittelfeldspieler Jean-Ricner Bellegarde, der bei Wolverhampton Wanderers in der Premier League spielt.
Als krasser Aussenseiter geht es für Haiti an der WM vor allem darum, der eigenen Nation Freude zu bereiten. Die Fussballer werben für Frieden, mit dem haitianisch-kreolischen Slogan #OuvèPeyiA: Öffnet das Land. Vielleicht ist es bei dieser WM so, dass Fussballfans nicht teilnehmender Nationen diesmal den Haitianern die Daumen drücken.

