England in der WM-Qualifikation

Plötzlich unterhaltsam

10. Sep. 2025, 16:53 Uhr

Daumen hoch: Thomas Tuchel hat mit dem 5:0 der Engländer in Serbien erst mal alle Kritiker in der Heimat verstummen lassen. (Foto: Manjit Narotra / Imago Images)
Daumen hoch: Thomas Tuchel hat mit dem 5:0 der Engländer in Serbien erst mal alle Kritiker in der Heimat verstummen lassen. (Foto: Manjit Narotra / Imago Images)

Nach mehreren unattraktiven Darbietungen seiner Mannschaft widerlegt Thomas Tuchel
bei Englands 5:0 in Serbien alle Skeptiker. Der englische Nationaltrainer wird mit Lob überschüttet – und das Mutterland des Fußballs fängt zu träumen an.

Von Sven Haist, London

Während dieses Länderspielblocks räumte Thomas Tuchel ein, dass sich die Führung einer Nationalmannschaft grundlegend von der eines Vereinsteams unterscheide. Diese Erkenntnis war wenig überraschend, zahlreiche andere prominente Trainer hatten sich in ähnlicher Form geäußert. Dennoch gebührte dieser Lerneffekt auch Tuchel, da sein zu Beginn dieses Jahres bezogener Posten als englischer Nationaltrainer seine erste Station außerhalb des Klubfußballs darstellt. So habe er sich bei den ersten beiden Zusamme­nkünften mit den Nationalspielern im Frühjahr und Sommer „viel anzueignen“ gehabt, gestand er. Doch die Erfahrungswerte haben sich gelohnt: Am Dienstagabend gewann England das WM-Qualifikationsspiel gegen Serbien in Belgrad – mit 5:0 (2:0)!

Durch den Sieg in Serbien hat England die WM-Teilnahme fast sicher

Damit führt Tuchels Team nach der Demontage des vermeintlich stärksten Konkurrenten die eigene Qualifikationsgruppe ohne Punktverlust vor Albanien an, die geschlagenen Serben liegen mit einem Spiel weniger dahinter. Der Sieben-Punkte-Vorsprung erscheint so komfortabel, dass die Boulevardzeitung Sun den Landsleuten selbstbewusst zurief, sie könnten jetzt schon „sicher“ die Flüge nach Nordamerika zur WM 2026 buchen. Um die Teilnahme endgültig festzuzurren, reicht England aus den verbleibenden drei Spielen bereits ein weiterer Sieg zu Hause gegen Serbien. Entsprechend lobte Tuchel seine Akteure für eine Teamleistung in „reinster Form“. Dies verdeutlichten die fünf verschiedenen Torschützen: Es trafen Harry Kane (33.) und Marcus Rashford (90./Elfmeter) sowie jeweils erstmals in ihren Länderspielkarrieren Noni Madueke (35.), Ezri Konsa (52.) und Marc Guéhi (75.). Vereinfacht wurde die Auseinandersetzung gegen Ende durch eine rote Karte für Nikola Milenković (72./Notbremse).

Dabei ließen sich Tuchel & Co. nicht einmal von den zahlreichen Nebengeräuschen im berüchtigten Belgrader Rajko-Mitić-Stadion aus dem Konzept bringen. Die Stimmung war durchgehend angespannt, aus mehreren Gründen: die schwache Darbietung der serbischen Mannschaft, die Protestwellen im Land gegen die eigene Regierung und ein vom europäischen Verband verhängter Teilausschluss von Zuschauern als Strafe für rassistische Entgleisungen bei vorherigen Länderspielen in Serbien. Dazu sorgten Laserstrahlen aus dem Publikum für Spielunterbrechungen, und es kam zu einem kurzen Polizeieinsatz auf der Haupttribüne, als unter serbischen Zuschauern ein kleines Scharmützel ausbrach. Bei Abpfiff war das Stadion dann gut geleert – die Heimfans hatten aus Frust vorzeitig den Heimweg angetreten.

Das zweite Tor stand stellvertretend für die Spielfreude der Engländer

Die Basis für den bestandenen ersten Härtetest unter Thomas Tuchel lieferte der Trainer selbst – mit einer präzisen Aufstellung. Dabei traute sich der 52-Jährige, insgesamt sieben Spieler in die Startelf zu berufen, die vor dieser Partie weniger als 25 Länderspiele absolviert hatten. Die Entscheidung begründete er mit seiner Annahme, dieses Spiel würde das Beste aus seinem Kader hervorbringen. Er hatte recht damit. Die Wahl der Startspieler bewies, dass Tuchel in den vergangenen Monaten das richtige Gespür für sein Team entwickelt hatte. Stellvertretend dafür stand das Tor von Madueke, das dieser mit Elliot Anderson und Morgan Rogers auf vorzügliche Weise herauskombinierte. Alle drei Spieler wurden überraschend zusammen von Beginn an eingesetzt.

Vor allem die Installation des bei Nottingham Forest unter Vertrag stehenden Anderson glich einem Kunstgriff Tuchels. Auch für solche Einfälle hat ihn die Football Association (FA) verpflichtet. Der Deutsche steht seit seinem Champions-League-Sieg mit dem FC Chelsea 2021 auf der Insel im seriösen Ruf, eine Gabe für unerwartet funktionierende Ideen zu haben. Seit dem Rücktritt von Paul Scholes aus der Nationalmannschaft vor zwei Jahrzehnten fahnden die Engländer nach einem Spielstrategen, der Rhythmus und Struktur vorgibt. An dieser Personalie mühten sich zahlreiche englische Nationaltrainer ab, zuletzt Tuchels Vorgänger Gareth Southgate, der unter anderem deswegen die EM-Finalspiele 2021 und 2024 verlor. Auch Tuchel tüftelte erst mal hin und her – bis er vor diesen Länderspielen Anderson, 22, als Neuling präsentierte. Er testete ihn zunächst am Samstag gegen Andorra aus und vertraute ihm nun gegen Serbien.

Kann Elliot Anderson die Rolle als Taktgeber dauerhaft ausfüllen?

Obwohl Anderson zu Beginn des Serbien-Matches wegrutschte und sich einen gefährlichen Abspielfehler leistete, riss er das Spiel an sich. Er war ständige Anspielstation für seine Teamkollegen, diktierte die Spielzüge – und beschleunigte mit seinen Pässen nach vorn die kontrollierten Ballbesitzpassagen seines Teams. Durch Anderson konnte Tuchel den bisher für diese Position eingespannten Declan Rice als Verbindungsspieler im Mittelfeld gewinnen. Dessen Lauf- und Zweikampfstärke verschaffte den eigenen Angriffen mehr Dringlichkeit und Durchsetzungsstärke. Für weitere Torgefahr sorgte die offensivere Ausrichtung der Außenverteidiger, wodurch die schnellen Seitenangreifer Anthony Gordon und Madueke mehr in die Mitte ziehen und Stoßstürmer Kane unterstützen konnten.

All das machte Englands Auftritt plötzlich dynamisch, ideenreich, intensiv – und daher kurzweilig. Nach Letzterem hatten sich die englischen Fans am meisten gesehnt. Sie verknüpften mit Tuchel die Erwartung, dass er den packenden Spielstil aus der Premier League auf das Nationalteam überträgt, das unter Southgate zwar erfolgreich, aber für die Meinung der Landsleute zu vorsichtig agiert hatte. Ebenjener Stil setzte sich unter Tuchel allerdings zunächst fort, dessen Team in seiner Eingewöhnungsphase ebenfalls mit monotonem Ballbesitzfußball aufwartete. In den zwei WM-Quali-Spielen gegen Andorra gab es jeweils unattraktive Siege: 1:0 und 2:0. „Langweiliges, langweiliges England“, spottete die Mail, in der Sun war von „sleepy lions“ die Rede, von schläfrigen Löwen.

Die Rückkehr verletzter Spieler wie Jude Bellingham dürfte das Niveau weiter anheben

Doch die Fußballstimmung dreht auf der Insel bekanntlich ähnlich schnell wie das Wetter, auch diesmal. Der frühere englische Nationaltorwart Paul Robinson schwärmte von Tuchel unter dem Eindruck des Serbien-Siegs nun, dass dessen öffentliche Forderungen an sein Team „bis ins kleinste Detail umgesetzt“ worden seien. Diesem Urteil schlossen sich andere Medien an, der Telegraph fand sogar, die Leser könnten zu träumen beginnen: natürlich vom WM-Titel. Der Überschwang rührte mitunter daher, dass den Engländern sämtliche Stammkräfte fehlten, darunter die verletzten Spitzenspieler Jude Bellingham, Bukayo Saka, Cole Palmer und John Stones. Deren Rückkehr dürfte das Niveau sicher anheben – und genauso die weiteren Erfahrungen von Thomas Tuchel als Nationaltrainer.

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