Schweden in der WM-Qualifikation

Außer Form

17. Nov. 2025, 17:50 Uhr

Nach der verpassten direkten Qualifikation für die WM 2026 bleibt Schweden nur noch der Weg über die Playoffs im Frühjahr. (Foto: Johanna Säll / Bildbryan / Imago Images)
Nach der verpassten direkten Qualifikation für die WM 2026 bleibt Schweden nur noch der Weg über die Playoffs im Frühjahr. (Foto: Johanna Säll / Bildbryan / Imago Images)

Die Hoffnungen auf die WM 2026 waren groß in Schweden. Denn die Nationalmannschaft besitzt mit Viktor Gyökeres und Aleksander Isak zwei Stürmer auf höchstem Niveau. Doch das Duo harmoniert aus unterschiedlichen Gründen noch nicht.

Von Sven Haist, London

Alexander Isak gilt in Schweden schon seit Jahren als designierter Nachfolger der Stürmerlegende Zlatan Ibrahimovic. Kurz vor dessen Rücktritt standen die beiden Angreifer noch zusammen auf dem Platz – im Rückblick erscheinen die wenigen gemeinsamen Länderspiele wie ein symbolischer Generationenwechsel. Erste Vergleiche mit dem schillernden Landsmann zogen Experten bereits in Isaks erster Saison im Profifussball, als er noch für seinen Jugendklub AIK Solna spielte. Damals prophezeite der Teamkollege Chinedu Obasi: «Wenn alles gut läuft, wird er der neue schwedische Zlatan Ibrahimovic.»

Tatsächlich erinnert die bisherige Laufbahn des 26-Jährigen in mancher Hinsicht an jene des schwedischen Rekordtorschützen. Im letzten Transferfenster wechselte Isak spektakulär für 150 Millionen Euro von Newcastle United zum FC Liverpool – ein Transferrekord innerhalb der Premier League. Weltweit wurden bisher nur zwei Spieler für eine höhere Ablösesumme verpflichtet: Neymar Júnior und Kylian Mbappé. Entsprechend gross sind die Erwartungen an Isak, der an Ibrahimovics Erfolge anknüpfen soll. Dieser hatte mit dem schwedischen Nationalteam an zwei Welt- und vier Europameisterschaften teilgenommen. Nun soll Isak sein Land zur WM 2026 in Nordamerika führen.

Doch vor dem Heimspiel in Solna gegen die Schweiz am Freitag droht Schweden die direkte Qualifikation für das Turnier zu verpassen. In der von der Schweiz angeführten Gruppe B liegen die Skandinavier bloss auf dem dritten Platz. Nach einem Unentschieden zum Auftakt in Slowenien folgte eine blamable Niederlage auswärts gegen Kosovo.

Dabei wird die schwedische Auswahl in der Heimat als «goldene Generation» bezeichnet. Neben Isak stehen im Kader zahlreiche international profilierte Spieler: etwa sein Partner im Angriff Viktor Gyökeres, der kürzlich für 65,8 Millionen Euro von Sporting Lissabon zum FC Arsenal wechselte, sowie Anthony Elanga (Newcastle United), Victor Li­ndelöf (Aston Villa), Hugo Larsson (Eintracht Frankfurt), Daniel Svensson (Borussia Dortmund), Isak Hien (Atalanta B­ergamo), Lucas Bergvall und der zurzeit verletzte Dejan Kulusevski (beide Tottenham Hotspur).

Der Gesamtwert des gegenwärtigen schwedischen Aufgebots liegt bei knapp einer halben Milliarde Euro – und ist damit etwa doppelt so hoch wie jener der Schweiz. Um die Offensivqualitäten seiner Mannschaft besser zur Geltung zu bringen, hat der Nationaltrainer Jon Dahl Tomasson eine riskante Strategie implementiert: Schweden agiert extrem hoch stehend, mit dem Ziel, Dominanz auszustrahlen und den Gegner früh unter Druck zu setzen.

Der Plan ging bisher allerdings nicht auf – die eigene Defensive ist für eine derart offensive Spielweise wohl schlicht nicht geeignet: Gegen Kosovo kassierte Schweden bereits in der ersten Halbzeit zwei kurios anmutende Kontertore – beim einen lief der Gegner sogar in Überzahl auf das Tor der Schweden zu. Zudem brach Tomasson mit dem im schwedischen Nationalteam lange gepflegten 4-4-2-System; neu lässt er seine Equipe in einer 3-5-2-Formation agieren. Der Coach sprach bei Sky UK von einem «vollständigen Wandel, um die Idee eines flüssigeren, dynamischeren Spiels zu etablieren».

Schweden beendete das Nations-League-Turnier vor einem Jahr zwar mit den besten Offensivwerten aller Teilnehmer – allerdings spielte die Auswahl bloss in der C-Liga. Offenbar hat Tomasson Resultate wie das 6:0 gegen Aserbaidschan überschätzt. Da er bis anhin nicht bereit ist, seine Taktik anzupassen, steht er in Schweden zunehmend in der öffentlichen Kritik.

Die Vorbehalte richten sich jedoch nicht nur gegen seine Taktik – sondern auch gegen seine Herkunft. Tomasson stammt aus Kopenhagen und zählte als dänischer Nationalspieler mit 112 Länderspielen zu den bekanntesten Fussballern seines Landes.

Schwedens Verband präsentierte ihn im Februar vor einem Jahr als Nachfolger des langjährigen Trainers Janne Andersson, der nach der verpassten Qualifikation für die EM 2024 zurückgetreten war. Bereits zur WM 2022 schaffte es Schweden nicht. Mangels geeigneter einheimischer Trainerkandidaten und nachdem die Wunschlösung Graham Potter – ein Engländer mit langjähriger Erfahrung in Schweden – nach einer Absage nicht zustande gekommen war, fiel die Wahl auf den charismatischen Tomasson. Er ist der erste ausländische Nationaltrainer Schwedens seit mehr als 65 Jahren.

In Schweden hatte sich Tomasson bei Malmö FF in den Jahren 2020 und 2021 mit zwei Meistertiteln einen Namen gemacht. Doch selbst dieses vermeintliche Plus wird ihm nun negativ ausgelegt. Denn trotz dieser Tätigkeit spricht Tomasson kein Schwedisch – eine Sprache, von der es heisst, jeder Däne könne sie wegen der Ähnlichkeiten in kurzer Zeit erlernen.

Stattdessen hält der Nationaltrainer aus dem Nachbarland seine Ansprachen jeweils auf Englisch. Stellvertretend für die angespannte Lage steht das jüngste Zerwürfnis zwischen Tomasson und Schwedens Stammgoalie Robin Olsen. Der 35-Jährige von Malmö FF trat vor wenigen Tagen überraschend aus dem Nationalteam zurück, nachdem der Trainer angekündigt hatte, ihn nach fehlerhaften Partien für die kommenden Länderspiele nicht als Nummer eins zu berücksichtigen. Für ihn dürfte gegen die Schweiz Viktor Johansson von Stoke City im Tor stehen.

Die derzeitige Diskrepanz zwischen Potenzial und Leistung verdeutlicht Alexander Isak, dessen Eltern einst vor dem Bürgerkrieg aus Eritrea nach Schweden geflohen sind. Der Goalgetter ist weit entfernt von der Form der vergangenen Jahre. Nach seinen Stationen bei Borussia Dortmund (2017 bis 2019), unterbrochen von einer halbjährigen Leihe in die Niederlande, und Real Sociedad San Sebastián (2019 bis 2022) startete Isak bei Newcastle United international durch. Mit seinen Toren etablierte er den Verein als Spitzenteam in der Premier League und führte ihn zum Gewinn des League Cup 2025 – dem ersten Titel nach 70 Jahren.

Da die Entwicklung des Klubs dennoch nicht mehr mit seinen persönlichen Ambitionen Schritt hielt, drängte er in diesem Sommer auf einen Wechsel. Als Newcastle diesen zunächst ablehnte, verweigerte der sonst zurückhaltend auftretende Isak jegliche weitere Mitwirkung im Team. So absolvierte er vom Saisonende bis zu seinem letztlich doch genehmigten Transfer drei Monate lang kaum eine Trainingseinheit. Die mangelnde Fitness macht sich bis heute bemerkbar. Beim FC Liverpool konnte er in seinen ersten sechs Pflichtspielen allenfalls sporadisch überzeugen und traf nur einmal im League Cup – gegen einen Zweitligaklub. Deshalb kam er im September für Schweden auch bloss zu einem Kurzeinsatz.

Diesmal dürfte er wieder eine prominentere Rolle einnehmen. Denn mit seinem präzisen, wuchtigen Torabschluss sowie seiner augenfälligen Agilität und Antrittsschnelligkeit ist der 1,92 Meter grosse Isak nur schwer zu stoppen. Doch im Nationaltrikot hat er seine Fähigkeiten bis anhin noch zu wenig gezeigt, als dass er die riesigen Fussstapfen füllen könnte, die Zlatan Ibrahimovic hinterlassen hat.

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