Bayern-Gegner FC Chelsea
Jung-Star-Team statt All-Star-Ensemble
17. Sep. 2025, 17:50 Uhr

Der FC Chelsea hat sich nach dem Rückzug von Roman Abramowitsch neu aufgestellt und unter dem neuen Vorsitzenden Todd Boehly auf Talente statt gestandene Spieler. Die Strategie ist zunächst belächelt worden – doch nun ist sie zum Vorbild für viele Klubs geworden.
Bevor Roman Abramowitsch den FC Chelsea verkaufte, gab er ein Versprechen ab. Er werde sicherstellen, dass die neuen Eigentümer des Klubs über die richtige Haltung verfügten, um den sportlichen Erfolg der Profi- und Jugendmannschaften aufrechterhalten zu können, schrieb der russische Oligarch in einer Abschiedserklärung. Als Nachfolger bestimmte Abramowitsch im Mai 2022 auf Druck der britischen Regierung, die ihn wegen des russischen Kriegs in der Ukraine aus dem Klub haben wollte, ein US-amerikanisches Konsortium. Dahinter steckt die Milliarden-Investmentgesellschaft Clearlake; die operative Leitung des Klubs übernahm Todd Boehly, der rund 13 Prozent der Vereinsanteile hält. Trotz anfänglicher Kritik und Skepsis gegenüber den neuen Besitzern setzt Chelsea inzwischen seine Titelsammlung aus der erfolgreichen Ära des Rohstoffmilliardärs fort. In der vergangenen Saison gewannen die Londoner immerhin die Conference League sowie die aufgewertete Klub-WM.
Der FC Chelsea stellt die jüngste Mannschaft in England
Drei Jahre nach Abramowitschs Rückzug ist der Chelsea Football Club, abgesehen von den jüngsten Erfolgen, aber kaum noch wiederzuerkennen. Die Zeit wurde genutzt, um den Verein umzustrukturieren. Die Strategie ist nun eine ganz andere. Sichtbar wird diese Transformation nicht zuletzt bei der Rückkehr in die Champions League, an der Chelsea erstmals seit drei Jahren wieder teilnimmt. Zum Auftakt am Mittwochabend tritt die Mannschaft von Trainer Enzo Maresca beim FC Bayern an – jedoch nicht mit einem All-Star-Ensemble wie einst, sondern gewissermaßen mit einem Jung-Star-Team.
Chelsea stellt derzeit die jüngste Mannschaft in der Premier League; der Altersschnitt der Startelf liegt seit Beginn der vergangenen Saison stabil zwischen 23 und 25 Jahren. Während Abramowitsch nach seinem Einstieg bei Chelsea fortlaufend gestandene Spitzenspieler verpflichtete, investieren seine Nachfolger vergleichbar hohe Summen – jedoch in Talente. Seit der Übernahme haben Boehly & Co. rund 1,8 Milliarden Euro Ablöse für exakt 50 Profispieler ausgegeben (Leihgeschäfte ausgenommen) und nur etwa die Hälfte durch Weggänge wieder eingenommen. Alle Feldspieler im aktuellen Kader waren bei der Verpflichtung 24 Jahre alt oder jünger. Einzige Ausnahme: Innenverteidiger Tosin Adarabioyo, der bereits 26 Jahre alt war, als er vor einem Jahr ablösefrei vom FC Fulham kam.
Die Strategie ist es, Talente frühzeitig und lange zu binden
Die Transferstrategie wirkt mitunter, als wäre Chelsea weniger Fußballverein als Handelsplattform für junge Spieler. Die Idee ist, viele Talente frühzeitig mit langfristigen und verhältnismäßig günstigen Verträgen zu binden, um so bei positiver Entwicklung eine starke Verhandlungsposition und hohe Transfererlöse zu erzielen. Beispielhaft steht dafür Nicolas Jackson.
Der 24-jährige Senegalese, den der FC Chelsea vor zwei Jahren für 37 Millionen Euro vom FC Villarreal holte, erhielt zunächst einen Vertrag bis 2031 – später verlängert bis 2033. Mit 30 Toren und zwölf Vorlagen in 81 Partien empfahl sich Jackson für den FC Bayern. Die Münchner verpflichteten ihn am letzten Transfertag zunächst auf Leihbasis, zahlten dafür etwa 15 Millionen Euro – fast die Hälfte des ursprünglichen Kaufbetrags von Chelsea. Sollte eine feste Übernahme des Spielers zur kommenden Saison erfolgen, wären weitere 65 Millionen Euro fällig. Chelsea wiederum hatte sich zuvor die Dienste der aus Klubperspektive noch talentierteren und jüngeren Stürmer João Pedro, 23, von Brighton & Hove Albion und Liam Delap, 22, von Ipswich Town gesichert. Beide kosteten zusammen 100 Millionen Euro.
Nicht jede Transferkalkulation geht auf: Das zeigt das Beispiel Christopher Nkunku
Nicht jede Transferkalkulation rechnet sich allerdings so, wie das bei Jackson der Fall sein könnte. Offensivspieler Christopher Nkunku etwa kam einst für 60 Millionen Euro von RB Leipzig und konnte sich in der Premier League, auch verletzungsbedingt, nicht durchsetzen. Der FC Chelsea gab ihn nun an die AC Milan ab, für nur etwas mehr als die Hälfte des Einkaufspreises. Für dieses risikobehaftete Vorgehen wurde der Vorsitzende Boehly vielfach belächelt. Doch allmählich zeigt sich der wirtschaftliche Ertrag: Im Sommer erzielte der Klub Einnahmen von 332 Millionen Euro durch Transfers – mehr als jeder andere Verein in einer einzigen Transferperiode. Chelsea konnte damit erstmals unter Boehlys Führung einen kleinen positiven Saldo auf dem Transfermarkt verbuchen.
Nach demselben Prinzip verfährt der Klub auch bei den Trainern. Derzeit steht Enzo Maresca, 45, an der Seitenlinie. Der Italiener kam vor der vergangenen Saison vom damaligen Premier-League-Aufsteiger Leicester City und gilt, wie sein Vorgänger Mauricio Pochettino, als Förderer junger Spieler. Zwar unterhielt Chelsea schon unter Abramowitsch ein umfassendes Netzwerk aus Akademie- und Leihspielern. Doch kaum einer davon schaffte den Sprung zu den Profis, weil der Verein seinerzeit fast ausschließlich auf gestandene Stars setzte.
Boehly Ansatz ist zum Vorbild geworden
Boehlys Ansatz ist mittlerweile Vorbild für viele europäische Topklubs geworden. In den zurückliegenden Transferperioden verjüngten zahlreiche Vereine ihre Spielerkader – allen voran Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain. Auch der FC Chelsea zählt wieder zum Favoritenkreis in England und hat mit acht Punkten aus vier Spielen einen soliden Start in der Liga hingelegt. Er sei hier, um mit dem Klub Titel zu gewinnen, und wolle stets mehr, erklärt Todd Boehly. So sagte das einst auch Roman Abramowitsch.

