Nottingham-Besitzer Evangelos Marinakis
Ständig lodert das Feuer
09. Sep. 2025, 18:54 Uhr

Nottingham-Forest-Besitzer Evangelos Marinakis entlässt den beliebten Trainer Nuno Espírito Santo trotz der erfolgreichsten Saison in 30 Jahren. Das Zerwürfnis der beiden Männer passt zu den vielen Kontroversen um den griechischen Milliardär.
Evangelos Marinakis gehört zu den schillernden und kontroversen Persönlichkeiten der Premier League. Diese Eigenschaften zeigte der Eigentümer des Traditionsklubs Nottingham Forest am Montagabend erneut – indem er den beliebten Trainer Nuno Espírito Santo kompromisslos abservierte. Nottingham bestätigte in einer Mitteilung, die lediglich drei Sätze umfasste, den Rauswurf von Espírito Santo. Der Portugiese hatte den Klub im Dezember 2023 in Abstiegsgefahr übernommen und in der vergangenen Saison erstmals seit 30 Jahren in den Europapokal geführt. Als Grund für die erste Trainerentlassung in dieser Premier-League-Spielzeit führte der Verein die „jüngsten Umstände“ an.
Es gebe kein Rauch ohne Feuer, zündelte Nuno Espírito Santo zu Entlassungsgerüchten
Gemeint war damit nicht das sportliche Abschneiden (vier Punkte aus drei Spielen), sondern die spektakuläre Konfrontation zwischen Chairman Marinakis und seinem Angestellten Espírito Santo. Das berufliche Verhältnis der beiden Männer erlitt vor knapp drei Wochen einen irreparablen Schaden, als der sonst zurückhaltend agierende Espírito Santo überraschend offen über sein Verhältnis zu Marinakis sprach. Er habe zu diesem „immer eine gute, respektvolle Beziehung“ gehabt, sagte Espírito Santo. Während der erfolgreichen Vorsaison sei diese sogar „besonders eng“ gewesen, man habe fast täglich kommuniziert. Doch davon könne nun keine Rede mehr sein, der Austausch sei nicht mehr wie früher. Auf Nachfrage zu Spekulationen über seinen Verbleib als Trainer zündelte Espírito Santo weiter: „Es gibt keinen Rauch ohne Feuer!“
Mit seinen Aussagen dürfte der Trainer einen Rauswurf einkalkuliert haben – denn es ist hinlänglich bekannt, dass Marinakis’ Zündschnur kurz ist. Der leicht reizbare griechische Milliardär hatte seit seiner Übernahme in Nottingham im Mai 2017 bereits sechs Cheftrainer gefeuert. Jetzt nutzte Marinakis die Ligapause nach einer blamablen 0:3-Heimpleite gegen West Ham United, um die Verhältnisse im Klub aus seiner Sicht wieder zurechtzurücken. Der Ursprung der Verstimmungen geht auf die Transferpolitik in diesem Sommer zurück. Zwar hat der Klub abermals mehr als 200 Millionen Euro Ablöse für Spieler investiert, doch die meisten kamen zum Unmut des Trainers erst spät in der Transferperiode. Das Vorgehen kritisierte Espírito Santo als „vertane Chance“. Besonders dürfte ihm die Installation des früheren Arsenal-Sportdirektors Edu missfallen haben, der seit Sommer die sportlichen Belange leitet. Seine Verpflichtung hat den Einfluss Espírito Santos offenkundig verringert.
Unter Marinakis hat sich Nottingham zum (erfolgreichen) Chaosverein entwickelt
Die Zusammenarbeit mit Marinakis gleicht ohnehin stets einem lodernden Feuer. In der Vorsaison stürmte er nach einem hitzigen Punktverlust seines Teams – bei dem sich der eigene Spieler Taiwo Awoniyi in der Schlussphase nach einer Kollision mit dem Pfosten schwer verletzt hatte, was zunächst unterschätzt wurde – von seinem riesigen Tribünensitz auf den Rasen. Und stellte dort seinen Trainer zur Rede. Marinakis’ Verhalten rügte der TV-Experte Gary Neville als „skandalös“ und empfahl Espírito Santo, den Verein von sich aus zu verlassen.
Dieser verteidigte damals noch seinen Vorgesetzten: Es sei Marinakis’ Leidenschaft, die den Klub vorantreibe. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art, bei dem man den Eindruck gewinnen konnte, dass Marinakis nahezu jedes Mittel für seine Ambitionen recht erscheint. Unter seiner Führung ist Nottingham Forest zu einem (erfolgreichen) Chaosverein geworden, der wiederkehrend in den Schlagzeilen steht – meist seinetwegen. Vor einem Jahr sperrte ihn der Verband für fünf Spiele, weil er nach einer Niederlage vor dem Schiedsrichter-Gespann auf den Boden gespuckt hatte. Die Aktion sei „eine respektlose und ekelerregende Zurschaustellung von Verachtung“ gewesen, hieß es im Urteil. Marinakis hatte zuvor erfolglos argumentiert, sein Zigarrenkonsum verursache regelmäßige Hustenanfälle.
Auch abseits des Fußballs gibt es immer wieder Aufregung um Marinakis
Auch abseits des Fußballs erregt der 58-Jährige Aufregung, er wurde etwa 2018 mit Drogenschmuggel in Verbindung gebracht, aber nicht verurteilt. Weitere Vorwürfe zu kriminellen Machenschaften tauchten immer wieder auf, Marinakis bestreitet alles. Einfluss und Reichtum hatte er einst in der Reederei seiner Heimatstadt Piräus aufgebaut, wo ihn sein Vater in die Branche eingeführt hatte. Heute gehört Marinakis zu den mächtigsten Schiffsmagnaten der Welt. Er festigte seine Macht sowohl politisch als auch gesellschaftlich, indem er sich diverse Medienunternehmen in Griechenland kaufte. Früher war Marinakis auch Mitglied des Stadtrats in Piräus. Und er übernahm 2010 den Fußballverein Olympiakos Piräus.
Vor zwei Jahren gewann er mit dem Klub die Conference League, es war der erste internationale Titel eines griechischen Vereins überhaupt. Marinakis nahm die Trophäe als Andenken zum Grab seines Vaters mit. Wegen all dem bezeichnete Sky Sports ihn mal als „inoffiziellen König von Piräus“. Doch auch zu seinem Engagement bei Olympiakos Piräus sind die Meinungen gespalten. Einst untersuchte die Staatsanwaltschaft, ob hinter den Erfolgen ein mafiöses Netzwerk stecke. Der Präsident eines rivalisierenden Vereins hatte in den Raum gestellt, die Piräus-Dominanz könnte auf einer Diktatur basieren. Und noch sei jede solche gefallen, egal, wie machtvoll sie auch sei, sagte dieser.
Als Nachfolger kommt Ange Postecoglou, der mit Tottenham die Europa League gewann
Marinakis’ Engagement im griechischen Fußball war der Auftakt für seine internationalen Ambitionen, zu denen jetzt ebenso Nottingham Forest gehört. Als Nachfolger für Nuno Espírito Santo hat der Klub gerade den mit Marinakis gut bekannten Ange Postecoglou verpflichtet, nachdem dieser trotz eines Europa-League-Titels in der Vorsaison bei Tottenham Hotspur entlassen worden war. Dem Australier mit griechischen Ahnen werden ähnliche Attribute wie Evangelos Marinakis zugeschrieben. Auch er scheut zum Beispiel keine Konflikte.
Als stünde plötzlich Robin Hood vor einem
Bahnt sich die nächste Heldengeschichte von Nottingham Forest an? Der einstige Europapokalsieger mischt plötzlich die Premier League auf. Im Mittelpunkt steht der Besitzer Evangelos Marinakis, der mit dem Klub erneut Geschichte schreiben will.
