Wirtschaftswachstum der Premier League

Die englische Kapitalflut schwemmt alles weg

15. Aug. 2025, 15:46 Uhr

Die beiden teuersten Spieler in diesem Transfersommer im Gesprächs: Liverpool neues Angriffsduo Florian Wirtz (rechts) und Hugo Ekitiké. (Foto: Paul Marriott / Imago Images)
Die beiden teuersten Spieler in diesem Transfersommer im Gesprächs: Liverpool neues Angriffsduo Florian Wirtz (rechts) und Hugo Ekitiké. (Foto: Paul Marriott / Imago Images)

Die Klubs der Premier League haben vor dem Saisonstart bereits 2,4 Milliarden Euro Ablöse in neue Spieler investiert. Die Bundesliga verkommt zu einem Kaufhaus. Doch wie funktioniert die englische Geldmaschine?

Von Sven Haist, London

Nur zwei Wochen nach dem Finale der Klub-WM fand in den USA bereits das nächste Fußballturnier statt. Diesmal jedoch nicht unter der Regie des Weltfußballverbands Fifa und dessen allgegenwärtigen Präsidenten Gianni Infantino, sondern organisiert von der Premier League, deren Expansions- und Gewinnstreben kaum weniger ausgeprägt ist. Die englische Eliteliga richtete in drei US-Metropolen – New York, Chicago, Atlanta – die „Premier League Summer Series“ aus, ein Vorbereitungsturnier mit mehreren Klubs aus der eigenen Spielklasse. Manchester United gewann. Der Mini-Wettbewerb, der von 2003 bis 2019 in Asien über die Bühne gegangen war, wurde nach der Pandemie in die USA verlegt – weil die Liga dort im Zuge der Klub-WM 2025 und der regulären WM 2026 das größte Wachstumspotenzial sieht.

Auch Richard Masters begab sich auf die Reise. Der Geschäftsführer der Premier League legte dabei ein Pensum zurück, das dem der Mannschaften kaum nachstand: Er eilte von einem Termin zum nächsten. Im Interview mit Bloomberg TV erläuterte er, dass aktuellen Umfragen zufolge ein Drittel der US-Bevölkerung ein generelles Interesse an Fußball hege – und davon wiederum zwei Drittel die englische Liga verfolgten. Der US-Sender NBC zahlt pro Saison umgerechnet 385 Millionen Euro für die Übertragungsrechte. Ein Beleg dafür, dass das vormals fußballferne Amerika zum bedeutendsten Auslandsmarkt der Premier League avanciert ist.

2,5 Milliarden Euro zu 175 Millionen: So groß ist die Differenz bei den Auslandsrechten

Die Prosperität des englischen Klubfußballs führt vor dem Saisonstart am Freitag zwischen Meister FC Liverpool und AFC Bournemouth zu einer imposanten Prognose: Die Premier League, Dachverband der 20 Klubs, erwartet im Dreijahreszyklus von 2025 bis 2028 einen Rekordumsatz von 14,2 Milliarden Euro. Dieser setzt sich aus der eigenständigen Vermarktung der TV-Rechte und dem Sponsoring zusammen. Erstmals werden dabei die jährlichen internationalen Erlöse mit 2,5 Milliarden Euro die auf hohem Niveau stagnierenden nationalen Einnahmen von zwei Milliarden Euro übertreffen. Zum Vergleich: Die Bundesliga erzielt im Inland 1,1 Milliarden, im Ausland lediglich 175 Millionen – das ist knapp ein Fünfzehntel der englischen Summe.

Allein dank der zentralen Einkünfte der Premier League, die zu rund 90 Prozent an die Vereine weitergeleitet werden, verzeichnen alle Klubs aus dieser Liga seit Jahren dreistellige Jahresumsätze. Ein Sprichwort lautet: „A rising tide lifts all boats“ – ein steigender Meeresspiegel (in diesem Fall die Premier League) hebt alle Schiffe (ihre Klubs) an. Und der finanzielle Meeresspiegel des Inselfußballs ist in den vergangenen Jahrzehnten, trotz externer Erschütterungen wie Finanzkrise, Brexit oder Pandemie, spektakulär gestiegen. Er hat inzwischen einen Stand erreicht, der die sportliche Wettbewerbsfähigkeit anderer Ligen gefährdet. Diese drohen vom Kapital aus der Premier League hinweggeschwemmt zu werden.

Die sieben höchsten Spielerabgänge aus der Bundesliga gehen aufs englische Konto

Das legen auch die Transferbilanzen dieses Sommers nahe. Zwei Wochen vor dem Ende der Wechselperiode haben die Premier-League-Vereine bereits mehr als 2,4 Milliarden Euro für Zugänge ausgegeben – viermal so viel wie Klubs aus der Bundesliga. Der Ausgabenrekord liegt bei rund 2,75 Milliarden Euro, aufgestellt – natürlich! – von der Premier League vor zwei Jahren. Zwar verbuchten die englischen Vereine bislang auch Transfererlöse in Höhe von 1,34 Milliarden. Der Saldo bleibt dennoch tiefrot: ein Defizit von einer Milliarde Euro. Am anderen Ende der Tabelle steht die Bundesliga: Sie weist derzeit einen Überschuss von 136 Millionen Euro aus.

Das Kräfteverhältnis lässt sich ebenfalls an den teuersten Weggängen der Bundesliga ablesen. Die sieben am höchsten dotierten Spielertransfers in diesem Jahr gingen auf das Konto englischer Klubs und lassen die Bundesliga wie einen Einkaufsmarkt wirken: Florian Wirtz (FC Liverpool/125 Millionen Euro), Hugo Ekitiké (FC Liverpool/80 Mio.), Benjamin Sesko (Manchester United/76,5 Mio.), Omar Marmoush (Manchester City/75 Mio.), Jamie Gitte­ns (FC Chelsea/56 Mio.), Jeremie Frimpong (FC Liverpool/40 Mio.) und Mathys Tel (Tottenham Hotspur/35 Mio.). Auf dem umgekehrten Weg wechselten lediglich drei namhafte Spieler nach Deutschland: Luis Díaz (FC Bayern/75 Mio.), Jarell Quansah (Bayer Leverkuse­n/35 Mio.) sowie Jobe Bellingham (Borussia Dortmund/30 Mio.).

Alle Top-6-Klubs in England haben enorme Investitionen getätigt

Als Treiber der Entwicklung gelten zwei Faktoren. Zum einen die zehntägige Zusatzfrist Anfang Juni vor der Klub-WM, in der die Premier-League-Klubs bereits knapp eine halbe Milliarde Euro investierten. Und zum anderen die besondere Situation der „Top Six“. Der FC Liverpool stellt sich nach dem Trainerwechsel von Jürgen Klopp zu Arne Slot neu auf; der FC Arsenal strebt nach 21 Jahren mit aller Kraft den Meistertitel an; Manchester City vollzieht einen Generationswechsel; der FC Chelsea verfolgt weiterhin die Strategie, in teure Talente zu investieren; Tottenham Hotspur startet unter Trainer Thomas Frank neu; und Manchester United steht nach der schlechtesten Saison der Klubgeschichte unter enormem Druck. Das kumulierte Transferdefizit allein dieser Vereine beläuft sich auf 850 Millionen Euro.

Refinanziert wird dies durch die gewaltige wirtschaftliche Potenz dieser Spitzenklubs. Laut dem Finanzdienstleister Deloitte rangierten in der Saison 2023/24 alle sechs Klubs unter den zehn umsatzstärksten Fußballvereinen weltweit. Dahinter drängen bereits Newcastle United, West Ham United und Aston Villa nach. Zusammengenommen generieren diese neun englischen Vereine 46 Prozent des Gesamtumsatzes (exklusive Transfers) der zwanzig wirtschaftlich stärksten internationalen Vereine – das ist ein Zuwachs von sieben Prozent seit der Saison 2019/20. Um fast exakt diesen Wert ist der Anteil der Bundesliga im selben Zeitraum gesunken: Statt vier sind nur noch zwei deutsche Vereine in den Top 20 vertreten – Bayern München und Borussia Dortmund.

Die Premier League werde „größer und größer und größer“, freut sich der Ligachef.

Die Umsätze der Klubs speisen sich aus drei Quellen: Spieltagserlöse, Sponsoring/Merchandising sowie Medienrechte. Bei Ersteren helfen den englischen Klubs zumeist moderne Stadien, in die ihre Besitzer häufig privat investierten – Geldspritzen, die nicht unter die Regularien des Financial Fairplay fallen. Zudem gehören die Eintrittspreise zu den höchsten im Weltfußball: Der FC Arsenal verlangt für seine 19 Heimspiele bis zu 2000 Euro. Auffällig ist auch, dass bei den großen englischen Vereinen die kommerziellen Erlöse konstant jene aus den TV-Verträgen übersteigen. So erzielte Manchester United in der Saison 2023/24 laut Deloitte 360 Millionen Euro durch Sponsoring und Merchandising – ungefähr 100 Millionen mehr als durch TV-Einnahmen. So konnte sich etwa der englische Rekordmeister trotz verpasster Europapokal-Qualifikation nun eine neue Luxus-Offensive (Sesko, Mbeumo, Cunha) für 230 Millionen Euro leisten.

„Manchester United hat immer Geld – und wird künftig noch mehr haben“, betont Trainer Rúben Amorim. Die Aussage scheint auf den ersten Blick im Widerspruch zu den jüngsten Sparmaßnahmen des Klubs zu stehen, etwa den Massenentlassungen in der Geschäftsstelle. Doch auch wenn die finanziellen Mittel im Vergleich zur Konkurrenz etwas geschrumpft sind, reichen sie weiterhin aus, um begehrte Spieler zu verpflichten. Die Klubs profitieren dabei vom Bilanztrick, die Ablösesummen über die Vertragslaufzeit (meist fünf Jahre) abzuschreiben. Das Kalkül: Was heute teuer erscheint, ist morgen leichter zu schultern – weil die Einnahmen mindestens bis zum Ende dieses Jahrzehnts weiter steigen dürften.

Die USA sind zum wichtigsten englischen Auslandsmarkt geworden

Während seines USA-Trips frohlockte CEO Richard Masters, die Premier League werde „größer und größer und größer“. Angeblich betrachten weltweit 1,4 Milliarden Menschen die Premier League als „wichtigen Teil ihres Lebens“. Sichtbar wurde das beim Klub-WM-Finale zwischen dem FC Chelsea und Paris Saint-Germain (3:0) in New Jersey: Das Stadion war nahezu vollständig mit Anhängern des FC Chelsea gefüllt.

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